Eine Skizzierung der Normabweichung als Triebkraft der Veränderung. Ein Essay zur Devianz, geschrieben 2022.
Es ist keine rein theoretische Überlegung, inwiefern Devianz in dieser Gesellschaft existiert. Sie tut es. Wie mit anderen Aspekten der Realität, deren Existenz wir akzeptieren, ist es jedoch eine Frage des Umgangs mit diesen. Der nachfolgende Text ist ein Gedankenspiel, kein wissenschaftlicher Essay. Er wird die dem Autor bekannten Formen der Devianz in der Gesellschaft besprechen, sie mit dieser in Verbindung setzen und die Idee einer Triebkraft, die darin versteckt ist, aufstellen. Der Autor selbst ist “von Devianz betroffen” und schreibt diesen Text aus einer Position der Devianz von cisheteronormativer und psychisch gesunder Gesellschaft.
Was ist diese Devianz überhaupt, von der hier die Rede ist? Sie ist die Abweichung eines sozialen Individuums von der gesellschaftlichen Erwartung und Norm. Diese Erwartungen sind mannigfaltig und in fast allen Bereichen des Lebens relevant. Eine ganz klassische Devianz, wie sie auch von Foucault in seinem Werk “Überwachen und Strafen” angeführt wird, ist die kriminelle Devianz. Hier findet sich eine soziale Norm noch weiter in Form eines Gesetzes verfestigt, bei dessen Nichteinhaltung eine Strafe wartet. Andere Formen der Devianz – also der Abweichung von sozialer Erwartung – findet sich im Rahmen von Geschlechternormen auch in der Kurzhaarfrisur der Frau, einem Mann mit Make-up oder einer nicht-binären Person. Letztere stellt aufgrund der zweigeschlechtlichen Dichotomie bereits inhärent eine Devianz von der bisherigen sozialen Ordnung dar. Nicht minder als eine Devianz zu betrachten sind psychische Erkrankungen. Wer die Kriterien einiger psychischer Erkrankungen kennt, weiß nicht nur um die Rolle des subjektiven Leidensdruckes, sondern auch um die Beachtung der Aufrechterhaltung sozialer Rollen, globalen Funktionsniveaus und der Teilnahme am sozialen Leben. Am Beispiel der Depressionen finden sich hier Abweichungen von der sozialen Norm wie die Unfähigkeit, sich die Zähne zu putzen oder aufzuräumen, die Lustlosigkeit und das Desinteresse an sozialer Interaktion. Aspekte des depressiven Seins, denen die Mehrheitsgesellschaft mit Abwehr oder gar Ekel begegnet. All das und noch viel mehr kann in unserer Gesellschaft als Devianz bezeichnet oder betrachtet werden.
Die Devianz kommt nicht ohne Norm aus – wo kein Richtig, da kein Falsch. Normen haben die inhärente Eigenschaft, dass sie aufgestellt und kontrolliert werden müssen. Seien es nun legislative Normen wie Mord als Straftatbestand, religiös-moralische Normen wie die Zehn Gebote oder eine unausgesprochene soziale Praxis wie das Händeschütteln zur Begrüßung. Wer sich in den jeweiligen sozialen Kreisen bewegt, wird sich der Normen bewusst sein. Ein Mensch wird gleichzeitig in verschiedenen Kreisen seine Rolle spielen und somit eine Vielzahl an Normen im Hinterkopf behalten müssen. Zur Veranschaulichung eines sozialen Kreises nutzen wir die Norm des Händeschüttelns: Wir beide, erwachsene Menschen, erwarteten, zumindest vor der COVID-19 Pandemie, ein Händeschütteln zur Begrüßung. Erwidern wir dieses nicht, ernten wir Skepsis oder Antipathie. Ein Kind hingegen, in diesem Beispiel drei Jahre alt, unterliegt dieser Norm noch nicht. Von einem dreijährigen Kind erwarten wir kein Händeschütteln – schon gar nicht im Kontakt mit der eigenen peer-group.
Diese Normierung von Gedanken, Verhalten und auch Gefühlen wird stets von einer Machtposition heraus geschaffen. Wer Normen einführt oder statuiert, ist im Privileg des Mächtigen. Ein Krimineller in der Haftanstalt hat nicht die soziale Macht, sich die Gesetze anders auszulegen. Gleichermaßen hingegen kann dieser Kriminelle mit den richtigen Bemühungen und Finessen innerhalb des Kosmos der Haftanstalt Gesetze aufbauen. Zahlreiche fiktive Werke haben uns gezeigt, dass es innerhalb der Gefängnisse anders zugehen kann. Banden mit mächtigen Anführern, illegale Geschäfte mit Mobiltelefonen und Ramen als Währung (danke, Brooklyn 99). Im großen Kosmos der Gesellschaft finden Normen dort ihren Platz, wo Verhalten gezeigt wird, welches von der mächtigen Mehrheit nicht geduldet wird. Wie unerwünschtes Verhalten unterdrücken, wenn nicht durch Regeln und Bestrafung? In einer patriarchalen Gesellschaft wurden viele misogyne Normen konstruiert, mit denen Männer ihre Hoheitsposition über Frauen verstärken wollten. Lange Zeit kein eigener Zugriff auf Geld, kein Wahlrecht und auch keine Möglichkeit, Lohnarbeit nachzugehen. Letzteres ohnehin nur minder erstrebenswert. Auch eine Devianz wie bspw. die Homosexualität wird erst durch Abgrenzung von der Norm der Heterosexualität zu einer Devianz. So findet sich nach der Arbeit von Nina Degele das Wort der “Homosexualität” seit 1869 im Sprachgebrauch, während die Heterosexualität erst 1890 auf den Plan der Sprache tritt. Hier zeigt sich konkret, wie zuvor normales und unbeachtetes Verhalten erst durch die Ablehnung vonseiten der Privilegierten eine Kategorie erhält, um anschließend als Devianz (Homosexualität) zu einer Norm (Heterosexualität) konstruiert zu werden. Dies deckt sich auch mit den Überlegungen Foucault, nach der Normentstehung folgenden 5 Schritten folgt: Vergleichen, Differenzieren, Hierarchisieren, Homogenisieren und Ausschließen. Das Sexualverhalten wurde also zuerst verglichen (Mann+Frau, Mann+Mann), dann differenziert (Mann+Frau ist anders als Mann+Mann), anschließend hierarchisiert (Mann+Frau ist besser als Mann+Mann), homogenisiert (Mann+Mann ist immer gleich!) und schlussendlich ausgeschlossen.
Die Erklärung von Devianzen könnte noch einige Seiten weitergehen, doch ist dies nicht der eigentliche Inhalt des Textes. Bei Unklarheiten in Bezug auf das Thema Devianz können zahlreiche andere Werke hinzugezogen werden. Wir wenden den Blick auf ein weiteres Wort im Titel des Textes: Emanzipation. Im lateinischen Ursprung als “Entlassung des Sohnes aus der väterlichen Gewalt” ist es vor allem im Rahmen der feministischen Frauenbewegung zu einem Wort für die Selbstermächtigung und Selbstbestimmung geworden. Wer sich emanzipiert, löst und erhebt sich von den normativen Fesseln seines vorigen Systems. Das Kind emanzipiert sich in später Jugend von den Eltern, die Frau emanzipierte sich gesellschaftlich vom Mann und so weiter. Dieser Text behandelt also das Potenzial, eine solche Selbstermächtigung umzusetzen.
Wer selbst in einer sozialen Devianz lebt, sei es durch Geschlecht, Sexualität, Krankheit oder Beeinträchtigung, wird vor allem die Gefühle von Fremdbestimmung, Deplatziertheit und Marginalisierung kennen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir kraft unserer angeborenen oder erworbenen Eigenschaft ausgeschlossen werden. Dies muss nicht immer nur in festen Regeln oder Gesetzen geschehen, wie bspw. durch das “Transsexuellengesetz”, das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehe oder Zwangshospitation psychisch kranker Menschen. Die Exklusion findet auch subtiler durch die stete Anwendung normativer Erwartungen an deviante Individuen statt. Auch ein homosexueller Mann wird gefragt, wann er heiratet und Kinder bekommt. Häufig ist die Frage auch “Wer ist bei euch die Frau?”. Einer psychisch kranken Person, die das Haus nicht verlassen kann, wird plump entgegnet “tu es doch einfach.” Eine heterosexuelle Frau, die glücklich als Single lebt, darf sich anhören, irgendwann “den Richtigen” zu finden. All diese Beispiele zeigen, wie ein deviantes Subjekt unter dem Druck normativer Erwartungen leiden kann. Selbst, wenn sich das Subjekt der Devianz bewusst ist und aktiv dagegen entscheidet, diese normativen Lebenswege nicht zu beschreiten, bleibt uns allen eines erhalten: Das Gefühl, nicht dazuzugehören.