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Dein Gaydar ist problematisch

Was ist am Gaydar denn problematisch, Sascha?

Nun, zuerst reden wir einmal von der Definition. Nicht jede*r mag mit dem Begriff vertraut sein. Der/das Gaydar beschreibt die Fähigkeit, den Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Menschen zu erkennen. Ob es den Gaydar nun gibt oder nicht, ist umstritten. Und das, obwohl die Wissenschaft ihn sogar untersucht.

Experimentelle Studien wie aus der Psychologie nutzten hierfür primär zwei Reizgruppen: Visuelle und auditive Reize. Er wird also entweder anhand dessen, was wir sehen oder dessen, was wir hören, betrachtet. Dabei finden zahlreiche Studien eine präzise Zuordnung von Homosexualität aufgrund von auditiven/visuellen Reizen. Es scheint so, als sei der Gaydar messbar und nachweisbar!

Aber was bedeutet Präzise? Viele der Studien definieren die “Präzision” als “besser als Zufall”. Wenn ich zwischen hetero- und homosexuell entscheiden kann, könnte ich zu 50 % richtig liegen. 60 % der Zeit richtig zu liegen, ist hier bereits “präzise”. Aber wie präzise kann ein Gaydar überhaupt sein? In den Studien führt der “straight categorisation bias” zu häufigen richtigen Einschätzungen von Heterosexuellen und damit einer erhöhten “Genauigkeit”. Sexualität wird über Äußerlichkeiten wahrgenommen – häufig über geschlechtliche Zuordnungen. Femininerer Mann = gay? Maskulinere Frau = lesbisch? Und wo ist der Rest?

Die Studien arbeiten meist nur mit einer Hetero-Homo-Dichotomie. Die Bandbreite an queeren Lebensrealitäten wird oft ignoriert. Wie präzise kann die Studie zum Gaydar also sein, wenn sie Queerness schon nicht präzise erfasst? Und was ist mit geschlechtlicher Vielfalt?

Gaydar Studien und deren Implikationen validieren stereotypes Denken.

2015 untersuchten Cox et al. die Rolle von Stereotypen, Gesichtern und den Gaydar-Mythos. Es waren insgesamt fünf Experimentaldesigns, die hier Platz finden. Dabei ging es in allen der Untersuchungen darum, die Sexualität (ob homo- oder heterosexuell) von Männern (bzw. Frauen in Experiment 4) zu ’sehen‘.

  • Anhand von Bildern und stereotypischen Statements (Experiment 1 & 2)
  • nur Anhand von Bildern (Experiment 3)
  • anhand von Bildern von Frauen (Experiment 4)
  • in den Gruppen “Gaydar ist real” und “Gaydar ist nur Stereotyp”

Die Ergebnisse: Teilnehmende griffen bei den Zuordnungen stets auf Stereotypisierung zurück. Die Gruppe, die “Gaydar ist real” zuvor hörte, stereotypisierte stärker als die anderen Gruppen (“Gaydar ist nur Stereotypisierung” und Kontrollgruppe). Zu den Stereotypen zählten die Zuordnung „femininer“ bei schwulen Männern, was sich auch in den stereotypischen Statements niederschlug. Mögliche stereotype Aussagen können hier Dinge sein wie „ich koche gerne“ oder „ich gehe gerne shoppen“.

Wenn ich den Gaydar als Konstrukt betrachte, dann stelle ich mir folgende Fragen:

Welche Gruppen werden hier eigentlich unterschieden? Ist es nur homo- vs. heterosexuell? Wo sind bisexuelle Menschen, trans Menschen, asexuelle Menschen? Wie operationalisiert man wissenschaftlich einen Gaydar? Welche Anhaltspunkte und Prozesse liegen dem eigentlich zugrunde? Woher kommen die Ideen, wie ein schwuler Mann sich verhält? Brauchen wir feste Kategorien zur eigenen Übersichtlichkeit und Erwartbarkeit in einer unsicheren Welt?

Nach meinem Post mit diesen Informationen habe ich in meiner Instagramcommunity gefragt, welche Funktion so ein Gaydar eigentlich erfüllen kann. Denn auch wenn die Wissenschaft sich eher unklar ist, ob er nun existiert, ist er für viele Menschen doch irgendwie real. Aber wofür ist der nun gut?

“Wunsch nach Zugehörigkeit” [Community-Einsendung]

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe vermittelt sowohl das Grundbedürfnis nach Verbindung als auch nach Sicherheit. “Jemand ist wie ich” heißt, ich bin nicht allein, nicht komisch, nicht falsch. Das fühlt sich auch gut an. Ich kann mich gesehen und validiert fühlen. Aber: Der Gaydar als mutmaßliche Interpretation von Queerness schafft eben nur eine mutmaßliche Zugehörigkeit. Ich weiß schließlich nicht, ob eine Person queer ist, wenn ich sie nur anschaue. Queer ist, wer sich dazu so äußert.

“Die Welt fühlt sich verstehbar an.” [Community-Einsendung]

Wenn ich andere Queers “erkenne”, dann kann das ein Gefühl von Sicherheit mit sich bringen. Nicht, weil ich „dazugehöre“, wie oben beschrieben, sondern weil es die Welt handhabbar und berechenbar macht. Denn Menschen aufgrund von äußeren Merkmalen in ihrer Queerness erkennen, macht die Welt eindeutiger. Wer X ist/tut, ist queer. Y hingegen nicht. Eine komplexe Welt wird vereinfacht.
Vielleicht hat es auch einen spirituellen Aspekt: Man glaubt an einen Gaydar als „6. Sinn“, der queere Menschen verbindet. Als sei man wirklich miteinander verbinden, wie eine Art „Verwandtschaft“.

“Hoffnung, als Queer andere finden zu können” [Community-Einsendung]

Queere Menschen sind aufgrund von Diskriminierung und Marginalisierung auch öfter von Einsamkeitsgefühlen betroffen. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist cis-hetero-normativ. Das heißt, die Grundannahme über eine „normale Ausprägung“ zu Geschlecht und Sexualität ist eben cisgeschlechtlich und heterosexuell. Wenn ich nichts dem Widersprechendes weiß, dann ist das so. Laufe ich als queere Person also durch die Stadt, kann es sich auch so anfühlen, als sei ich zu 100 % von cis-heterosexuellen Menschen umgeben.
Andere queere Menschen sehen oder treffen hingegen kann für mich bedeutet: Ein Gefühl von Verbundenheit, eine Art Sicherheit durch Zugehörigkeit.

“Eine Art Überlebensfunktion, wem kann ich vertrauen?” [Community-Einsendung]

Auch hier kann man wieder über Sicherheit, Verstehbarkeit, Handhabbarkeit (s.o.) sprechen. Aber diese Sicherheit ist auch eine Illusion oder vielmehr ein Wunsch danach, sich sicher zu fühlen. Denn eine queere Person muss für mich als queere Person nicht automatisch sicherer und verbundener sein als eine cishetero Person. Queerfeindlichkeit und Diskriminierung sind auch innerhalb der LGBTQIA-Community ein Problem. Es gibt Transfeindlichkeit unter den cis Personen und genauso viel Rassismus wie im Rest der Gesellschaft.
Die Erwartung, eine andere queere Person sei mir in Moral, Werten, Lebensvorstellungen etc. ähnlich, kann hierbei leicht enttäuscht werden. Denn diskriminierende Strukturen sind so gesellschaftsimmanent – so verinnerlicht in unsere Welt – dass jede*r mit ihnen aufwächst und sie reproduziert. So ist auch verinnerlichte Queerfeindlichkeit ein Problem: Trans Personen können sich dafür ablehnen und abwerten, dass sie trans sind.

“Es hilft, sich in Gruppen wohler zu fühlen” [Community-Einsendung]

Über Sicherheit, Verstehbarkeit, Handhabbarkeit (s.o.) muss ich nicht nochmal sprechen. Wichtig ist jedoch: Das Gefühl deines Gaydars garantiert keine Queerness beim Gegenüber. Es gibt viele queere Menschen, die dein Gaydar nicht wahrnehmen würde. Und es gibt Nicht-Queers, die du als queer wahrnimmst.

Dabei würde ich behaupten, dass das Gefühl von Zugehörigkeit über das Gaydar eigentlich eine Zugehörigkeit aufgrund ähnlich interpretierter Merkmale darstellt. So ist es vielleicht gar kein „er sieht schwul aus, ich bin auch schwul!“. Es kann auch ein „ein Mann mit Nagellack, wie ich!“ sein. Oder man sieht einen guten modischen Geschmack, wie man ihn auch hat. Vielleicht fühle ich mich verbunden mit der wahrgenommenen Sichtbarkeit des Anders-Seins als die Norm erwartet.
Dabei muss es gar keine Queerness sein, die verbindet.

Meine Take-Aways für dich:

Ja, die Idee eines Gaydars erfüllt Funktionen: “Andere Queers erkennen” macht die Welt verstehbarer, handhabbarer, sicherer. Andere queere Menschen wahrnehmen kann grundsätzlich ein Gefühl von Verbindung, von “ich bin okay” und “ich bin nicht alleine” sein.

Aber: Queer ≠ Queer. Es wäre ja sinnlos, wenn wir alle queeren Menschen stereotypisieren und in denselben Topf werfen. Queere Menschen sind genauso vielfältig wie der Rest der Welt. Und es gibt nicht nur ein falsch-positiv, also „vom Gaydar queer gelesene Menschen, die nicht queer sein“, sondern auch die vielen falsch-negativen, die dir nicht auffallen. Menschen, bei denen dein Gaydar gar nicht anschlägt, obwohl sie queer sind.

Denn Queer sein ist nur eine Gruppenzugehörigkeit aufgrund von Sexualität/Geschlecht. Das macht nicht gleich eine einheitliche Persönlichkeit, führt nicht zu denselben Moral- oder Wertevorstellungen, impliziert keine politische Ausrichtung. Denn Queers können für dich bzw. für einander genauso unsicher und gewaltvoll sein wie alle Menschen. [Queer als historische und politische Dimension klammere ich hier aus Platzgründen aus].

Die Einteilung in feste Gruppen und die Zuschreibung von Eigenschaften aufgrund von Gruppenzugehörigkeit ist ein in sich zum Scheitern verurteilter Prozess. Falsch-positive und falsch-negative Einschätzungen wären so häufig, dass es sich auch schlichtweg nicht lohnt. Der Mensch ist so komplex und unterscheidet sich in so vielen Eigenschaften, Merkmalen u.v.m., dass “queer” nichts darüber aussagt, ob ich mit der Person als queere Person auskommen kann/will.

[Der Beitrag ist aus einer übergeordnete Perspektive formuliert und betrachtet keine individuellen Erfahrungen – positiv wie negativ. Individuell könnt ihr machen, was ihr wollt. Wenn ihr euch bei Queeren Menschen per se wohler fühlt, weil sie queer sind, dann darf das so sein. Das freut mich sehr. Aber das ist nicht die einzige Erfahrung und hat – vermutlich – nur wenig mit der Queerness zu tun.]

Quellen:

Miller, A. E. (2018). Searching for gaydar: Blind spots in the study of sexual orientation perception. Psychology & Sexuality, 9(3), 188–203. https://doi.org/10.1080/19419899.2018.1468353

Cox, W. T. L., Devine, P. G., Bischmann, A. A., & Hyde, J. S. (2016). Inferences About Sexual Orientation: The Roles of Stereotypes, Faces, and The Gaydar Myth. The Journal of Sex Research, 53(2), 157–171. https://doi.org/10.1080/00224499.2015.1015714

Das Beitragsfoto ist von Anna Shvets [@shvetsa / pexels]