Was liegt eigentlich dazwischen? Eine ganze Menge!
Denn das Buch „Alles, was dazwischen liegt“ von Nesibe Kahraman – selbstgekauft – versteckt zwischen erster und letzter Seite eine Fülle wichtiger Inhalte, gesellschaftlich relevante Gedankenanstöße und eine große Portion Menschlichkeit. Es fordert uns auf, das Schwarz-Weiß-Denken zu hinterfragen, Widersprüche auszuhalten und in den Zwischenräumen des Lebens nach Erkenntnis und Wachstum zu suchen.
Im Privaten wie auch im Beruflichen bin ich immer wieder mit menschlichen Bedürfnissen konfrontiert. Dazu zählen unter anderem Sicherheit, Orientierung und Kontrolle. Drei grundlegende Bedürfnisse, die auch meine Wahrnehmung der Welt beeinflussen. Sie bestimmen, wie ich mein Umfeld bewerte, wenn ich – bewusst oder unbewusst – Dinge in „richtig“ und „falsch“ einteile, in absolute Wahrheiten. Diese Einteilungen geben uns vermeintliche Sicherheit, doch sie nehmen uns auch die Möglichkeit, Komplexität zu erkennen und Vielfalt anzunehmen.
Es geht darum, diese vermeintlichen Widersprüche als das, was sie tatsächlich sind, zu sehen, anzuerkennen und auszuhalten. Denn sie werden zu Widersprüchen, weil wir sie dazu machen.“
Nesibe Kahraman
Kinder müssen zwei Eltern haben. Ein Abitur ist besser. Autos sind umweltschädlich. Die Lehrerin ist eine blöde Kuh. Ich bin nicht gut genug.
Doch was wäre, wenn wir unsere Perspektiven erweitern? Wenn wir zulassen, dass Realität sich nicht immer in eindeutige Kategorien fassen lässt? Kindern geht es auch mit alleinerziehenden Eltern gut. Menschen ohne Abitur können erfolgreich und glücklich sein. Autos bedeuten für viele Freiheit und Teilhabe. Die Lehrerin kämpft möglicherweise mit Überforderung und braucht Unterstützung. Ich bin vielleicht noch nicht gut genug, aber ich kann daran arbeiten.
Genau hier setzt Nesibe Kahraman an. Sie zeigt auf, wie wir lernen können, Mehrdeutigkeit auszuhalten und Ambiguitätstoleranz zu entwickeln – also die Fähigkeit, mit Unsicherheiten, Widersprüchen und Unklarheiten umzugehen. In einer Zeit, in der vieles in Extreme zerfällt, hilft uns diese Kompetenz, einen offeneren und reflektierteren Blick auf uns selbst und unsere Umwelt zu gewinnen.
Das Buch beleuchtet viele solcher Zwischenräume in Gesellschaft und Alltag. Kahraman greift dabei auf ihre Erfahrung als Psychologin und Psychotherapeutin zurück und erzählt anhand von Fallgeschichten und persönlichen Beobachtungen, wie wir es schaffen können, nicht vorschnell zu urteilen, sondern stattdessen mit Empathie und Neugier zu hinterfragen. Es ist eine Einladung, sich der Vielschichtigkeit des Lebens bewusst zu werden und sich darin zurechtzufinden.
Wir sind umgeben von derartigen selbst auferlegten, künstlichen Normen, die erschaffen worden sind, um das soziale Miteinander zu regeln, die aber gleichzeitig keine klaren Bedeutungen haben und offen für Interpretations- und Deutungsspielraum sind.
Nesibe Kahraman
So wie Nesibe uns – inspiriert von Rumi – in den Zwischenraum einlädt, so lade ich euch zu diesem Buch ein. Es ist ein Plädoyer für ein Denken jenseits von festen Kategorien, für eine Welt, in der Widersprüche nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung verstanden werden.
Vielleicht ist es gut, vielleicht schlecht, vielleicht irgendwas dazwischen. Vielleicht ist es ja auch egal, was es ist. Wichtig ist nur, dass wir bereit sind, hinzusehen.