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Dota2 zocken macht am klügsten!

Und Fifa zocken macht dumm. Oder so ähnlich versucht man es hier zu konstruieren. Willkommen in der Welt der Unwissenschaftlichkeit.

(~7 Minuten Lesezeit)

Vor einigen Wochen stolperte ich über einen Beitrag von WhichBingo UK: Es ging darum, welche Gamer*innen am Klügsten sind. Also im Vergleich zwischen Games und Plattformen. Da wurde ich direkt skeptisch und hab mir den Text angeschaut. Spoiler: Es ist keine ausführliche Studie oder irgendwas, sondern nur ein Blogbeitrag.

WhichBingo.UK hat 1010 Gamer*innen befragt und ein Team von Psycholog*innen IQ-Tests durchführen lassen. Die Ergebnisse werden dich schockieren (weil sie sinnlos sind).

Zuerst möchte ich einmal anmerken, dass es sich hier um eine Untersuchung einer Bingo-Review-Seite handelt. Aus Schutzgründen wird die Seite nicht verlinkt, denn es ist immer noch Glücksspiel. Seit 2020 geht es dort um Bingo, um Glücksspiel und regelmäßig um Befragungen von Bingo-Spieler*innen. Sorry, liebe Leser*innen, aber das schreit nicht Wissenschaftskompetenz oder vertrauenswürdige Quelle für wissenschaftliche Erkenntnisse.

Der Artikel fängt damit an, dass “aktuelle Studien” die Verbesserung kognitiver Funktionen durch Videospiele zeigen. Also ja, das kann man je nach Spiel und Untersuchung durchaus aussagen, aber wie wäre es mit einer Quelle hierfür? Einfach “Studien zeigen” zu schreiben macht Aussagen nicht gleich glaubwürdig. Studien zeigen auch, dass ich sehr sympathisch bin. Welche Studien? Verrat’ ich nicht.

Zur Methode der Umfrage wird davon gesprochen, dass man mit ‘einem Team von Psycholog*innen zusammengearbeitet hat’. Woher ist das Team, wer sind diese Menschen? Es geht damit weiter, dass diese ‘einen Intelligenztest durchgeführt haben, basierend auf einer Vielzahl von Faktoren’. Normalerweise schreibt man dazu, was für einen Intelligenztest. Es gibt viele. Aber angeblich hat der ‘remote IQ test’ die vier Bereiche Verbale Kommunikation, Mathematik, Logik und visuelles Denken getestet. Ich bin mal so frei und kritisiere die Durchführung eines ‘remote’ Tests. Natürlich erreiche ich so mehr Leute, aber das macht die Durchführung auch undurchsichtiger. Welcher Test das nun genau sein soll, ist mir auch unklar. Es könnte der Stanford-Binet Intelligence Scale nahe kommen, die flexibles Denken, verbales Wissen, mathematisches Denken, visuell-räumliches Denken und das Arbeitsgedächtnis testet? Oder ist es der Intelligenz-Struktur-Test, in dem es um verbales Denken, mathematisches Denken, figural-räumliches Denken und Logisches Schlussfolgern geht? Weiter unten im Text wird kurz erklärt, dass “Werte unter 85 unterhalb durchschnittlicher Intelligenz liegen”. Viele Tests, wie u. a. die oben Erwähnten, betrachten Unterdurchschnittlichkeit ab 89 abwärts. Mit Ausnahme des Kaufman Assessment Battery for Children, der bei 70–84 von ‘below average’ spricht. Den anzuwenden wäre aber absurd, er ist von 3 bis 18 Jahren geeignet. Oder war es doch der Kaufman Adult Intelligence Test? Bei beidem passen die Testinhalte aber nicht zur Aufzählung im Artikel. Es bleibt ein großes Rätsel.

Es geht also auch um verschiedene Formen von Intelligenz und die Annahme, dass es einen IQ als festen Wert gibt, ist auch problematisch. Wir finden so viele mögliche Aspekten der Intelligenz, es gibt Modelle zur fluiden und kristallinen Intelligenz, es geht um aktiv abrufbares Wissen, um anwendbare Fähigkeiten u. v. m. Aber ja, am Ende des Tages ist deine Intelligenz natürlich eine einzelne Zahl. (/sarkasmus) Selbst, wenn sich diese berechnen lässt, wird es dir nur eingeschränkten Einblick geben. Eine Person mit 120 im Vergleich zu 95 ist … ja was eigentlich? “Intelligenter”? Was auch immer das bedeuten soll. Und in Bezug auf diese Grafik von Whichbingo UK, mit den 20 Games: Der IQ ist eine standardisierte Normalverteilung, mit 100 IQ-Punkten genau in der Mitte. Eine Standardabweichung beträgt 15. Dabei geht es aber nicht von 0 bis 1000, sondern wird innerhalb von ± 3 Standardabweichungen (± 45) betrachtet. Also von 55 bis 145. Laut Liste wären Dota 2 und LoL Spieler*innen mit 120+ deutlich überdurchschnittlich schlau. EA Sports FC26 (ehemals Fifa) zu spielen zeigt sich wohl mit durchschnittlich nur 90 IQ-Punkten. Gerade noch so durchschnittlich. Und, was man – wenn man schon statistische Zahlen nutzt – hier nicht vergessen sollte: Wie ist die Spannweite der Werte, was ist die Standardabweichung? Wenn alle Dota2 Gamer*innen eine Spannweite im IQ vom 80 bis 120 hätten, dann ist die Aussagekraft anders als bei 110–120. Und eine Standardabweichung von 5 ist auch anders als eine von 20. Das sind wichtige Kennwerte, die man für eine Einschätzung braucht!

Der nächste Punkt, den ich fraglich finde, ist die Zuweisung von Spielen. Die Teilnehmenden wurden gefragt, was sie “primär” spielen und auf welcher Konsole sie am meisten spielen. Das macht schon die Abgrenzung zueinander schwierig: Spielt eine Person denn wirklich nur Dota2? Oder ist da auch mal ein Tag mit Rocket League drin? Und von wie vielen Stunden sprechen wir eigentlich? Macht eine 40h/Woche in Dota2 dich klüger als eine 20h/Woche es täte? Oder ist bei 20h/Woche das Maximum erreicht und wenn du mehr spielst, wirst du wieder dümmer? Diese Ungenauigkeiten führen nur dazu, dass es am Ende unsauber wird und keinen Sinn mehr ergibt. Außerdem ist es statistisch nicht ausreichend, einfach nur einen Mittelwert einer Gruppe neben den einer anderen zu stellen und zu sagen: “So, sieh’ an.” Statistik ist doch durchaus komplexer als das.

Wenn ich wirklich ein metrisches Merkmal (hier IQ) nehme und Gruppenvergleiche mache (hier Games), dann sollte man schonmal über eine Varianzanalyse nachdenken. Dann wird nämlich berechnet, ob die Gruppenunterschiede wirklich auf diese Gruppenzugehörigkeit zurückzuführen sind oder eher zufällig bedingt. Aber so einfach nur einen Mittelwert in eine Grafik klatschen? Unsauber, unwissenschaftlich, peinlich.

Zudem möchte ich erwähnen, dass es sich nur um eine Querschnittsstudie handelt. Es bleibt also in der Aussagekraft minimal, selbst, wenn die IQ-Werte sauber erarbeitet wurden und die Gruppenzuordnung in die Spiele akkurat vorgenommen wurde – wir also vergleichbare Spielzeiten und Abweichungen durch andere Spiele mit einbeziehen.

Was da steht ist: Menschen, die Dota2 spielen, haben im Durchschnitt einen IQ von 120 und FC26 Gamer*innen von 90. 

Was das bedeutet: Es sind Durchschnittswerte. Das heißt nicht, dass jede*r Dota2 Spieler*in schlauer ist als FC26-Spieler*innen. Dota2 Gamer*innen mit einem IQ von 80 kann es genauso geben. Außerdem sagt diese Untersuchung nur aus, was eben gemeinsam auftritt. Es gibt keine Kausalität, keine Wirkrichtung. Bist du klug, weil du Dota2 spielst? Oder spielst du Dota2, weil du klug bist? Oder hängt dein Dota2 Konsum mit anderen Aspekten und Einflussfaktoren zusammen, die mit deiner Intelligenz zusammenhängen? Es fehlt die Diskussion oder der Einbezug von Mediatoren- und Moderatorenvariablen. Vielleicht ist das alles auch nur eine Scheinkausalität.

Die Anzahl von Menschen, die Eis essen und diejenigen, die ertrinken, korrelieren auch positiv. Je mehr Eisesser*innen, desto mehr Ertrunkene. Aber Eis-essen führt nicht zum Ertrinken und Ertrinken auch nicht zum Eis essen. Es ist das Wetter. Dasselbe Wetter, das mich zum Eis-essen motiviert, führt mich auch eher ins Wasser zum Schwimmen.

Mein Fazit: Die Untersuchung ist ein netter Partytrick, aber am Ende auch irgendwie Zeitverschwendung. Tatsächliche Aussagekraft lässt sich aus dem Artikel gar nicht generieren, zumindest nicht ohne wilde Spekulationen. Stattdessen finde ich diesen und ähnliche Artikel schlichtweg problematisch und populistisch:

  1. „Die Intelligenz™“: Wir hängen immer noch dieser absurden Idee hinterher, dass es die Intelligenz (den IQ™) gibt und das umfassende alltägliche Relevanz hat. Dabei sagt dein IQ – sofern du den überhaupt mal hast testen lassen – nicht aus, was du so in deinem Leben machst, schaffst und wie gut du in irgendwelchen Dingen bist. IQ-Werte vergleichen ist außerhalb von klinischen Settings nichts anderes als eine ableistische Selbstwertpolitur. [Kritik am IQ-Begriff]
  2. Verfestigung von Konkurrenzdenken: Egal ob es nun um die Spiele-Unterschiede geht oder um die Plattformunterschiede (PC-Gamer angeblich mit 114 IQ am klügsten, Mobile mit 100 am dümmsten?!) – man baut mal wieder Hierarchien und Konkurrenz auf. Absolut unverantwortlich, wenn man es ernst meinen würde.
  3. Vereinfachung von Psychologie/Wissenschaft: ‘Ich frage dich nach deinem Lieblingsspiel, teste deinen IQ und dann vergleiche ich das.’ Wenn das alles wäre, was gute Wissenschaft ausmacht, würde man nicht mehrere Jahre studieren müssen. 

Ja, Gaming kann positive Effekte haben. Das hängt aber von vielen Faktoren ab und nicht nur vom Spiel. Ich finde Dota2 und LoL zum Beispiel unfassbar langweilig. Selbst wenn die Spiele “klug machen” würden: Wenn ich keinen Spaß dran habe, ist es absoluter Unsinn, irgendwas zu tun. Geh’ das spielen, was du magst. Die Quintessenz von Gaming sollte immer noch Spielspaß sein (außer du bist ESportler). Wie der für dich aussieht, ist deine Sache. Kein Spiel ist Besser als andere, keine Plattform irgendwem Überlegen.

Holt euch euren Selbstwert doch bitte nicht durchs Herumtreten auf Anderen.