Wenn ich über Repräsentation spreche, dann geht es meist um die mediale Darstellung und Sichtbarkeit einer marginalisierten Gruppe. Nicht umsonst schrieb ich mein Buch ‚Einmal queer gespielt‘ über die queere Repräsentation in Videospielen. Spricht man nun aber mit anderen Menschen, die weder ein Bewusstsein dafür haben (wollen) noch Teil einer marginalisierten Gruppe sind, dann mag eine Reaktion wohl sein: „Was geht mich das an?“
Nach dem Lesen dieses Textes wirst du mehr darüber wissen, warum Repräsentation nicht nur Thema von marginalisierten Gruppen sein muss, sondern warum vielfältige Repräsentation auch dich und deinen Alltag verbessert.
Was sind Massenmedien?
Wenn ich von Repräsentation spreche, dann meine ich damit meistens die in Massenmedien. Aus medienwissenschaftlicher Sicht sind hier die technisch produzierten und massenweise verbreiteten Medienprodukte gemeint – wie Radio, Fernsehen, Serien, Film, Bücher, Zeitungen etc.pp. Denn ein Medium als solches ist an sich einfach nur ein Kommunikationsmittel. Wenn ich mit dir rede ist meine Sprache ein Medium. Gestik und Mimik sind Medien. Du hast sicherlich eine Ahnung davon, was hochgezogene Augenbrauen oder ein breites Grinsen kommunizieren können.
In einer direkten Kommunikation zwischen zwei Menschen gibt es stete Wechselwirkungen. Ich reagiere auf deine Worte und du auf meine. Du siehst meine Mimik, wenn du sprichst. Wir beide und alle Menschen begegnen einander mit sozialen Erwartungen, im Kontext von Normen und auch mit Vorurteilen. Über die Zeit lernst du direkt und indirekt, was man sagen und tun kann und was nicht gut ankommt.
Die massenmediale Kommunikation – also dein Fernsehprogramm, deine Serie oder das Buch in deiner Hand – läuft einseitiger. Wenn du während einer Szene die Augenbrauen hebst, sieht das im Produktionsteam niemand. Ob ein Produkt nun also gut und beliebt ist, läuft nicht direkt über dein Feedback. Stattdessen gibt es Einschaltquoten oder Kaufzahlen, es gibt Rezensionen. Auf Grundlage dessen wird künftig entschieden, was mehr produziert (und verkauft) wird und was nicht. Es soll und muss sich ja finanziell lohnen. „Der Markt regelt“, heißt es so schön. Das bedeutet also, dass das Gezeigte auch gleichzeitig das Beliebte ist!
Oder etwa nicht? Wenn dir nicht alles denkbar Mögliche gezeigt wird, wie kannst du dann wirklich das Beliebteste konsumieren? Stell dir ein Buffet vor: Ein altes und trockenes Stück Brot liegt neben einem labbrigen und weichen Stück Toast. Was ist beliebter? Ich vermute, es wäre das Toast. Ist das weiche Toastbroat nun aber das beliebteste Brot? Nein, denn es scheitert an der Auswahl.
Medien zeigen das, was beliebt ist. Aber genauso ist auch das beliebt, was gezeigt wird.
Worum geht es bei Repräsentation?
Wir gehen kurz weg vom mageren Brot-Buffet und richten den Blick auf eine marginalisierte Gruppe. Aufgrund meiner Expertise nehme ich mal queere Repräsentation in die Hand. Bei Repräsentation geht es nur um die reine Sichtbarkeit, möge man meinen. Ein offensichtlich schwuler Mann im Fernsehen muss als Repräsentation ausreichen. Wobei mich das mehr an den Spruch „es gibt keine schlechte PR“ erinnert als an wirkliche Repräsentation.
Die Reproduktion von Stereotypen und Vorurteile sowie die Reduktion menschlicher Komplexität sind keine gute Repräsentation. Eine gute Repräsentation ist Sichtbarkeit und Anerkennung vielfältiger Lebensrealität und Identität. Vielleicht kennst du ja Mitch und Cam aus der Serie ‚Modern family‘? Ein bekanntes schwules Paar aus der Serienwelt.

Ein Beispiel dafür, wie Stereotype und Vorurteile reproduziert werden. Sie fallen auf durch auffallend feminines Verhalten, werden als sexlose Brunch-Queens dargestellt. Einen Kuss sehen wir erst nach 25 Episoden. Mitch und Cam sind der Stereotyp, den sich viele Menschen unter einem schwulen Mann bzw. einem schwulen Paar vorstellen.
Aber dürfen schwule Männer nicht feminin sein? Natürlich gibt es schwule Männer, die sich so verhalten und das dürfen sie auch. Das dürfte übrigens auch jeder heterosexuelle Mann. Verhalten, Aussehen etc. sind nicht an Sexualitäten oder Geschlecht gebunden – auch wenn uns die Gesellschaft das gerne einredet.
Doch wo ist der Charakter außerhalb der Sexualität?
‚Sichtbarkeit und Anerkennung‘ bedeutet nicht nur, dass marginalisierte Gruppen sichtbar sind. Es geht auch um die Anerkennung von 1. den Biografien, Erfahrungen und Unterschieden innerhalb der Gruppe und 2. um die Vielfalt des Menschens außerhalb der Gruppenzugehörigkeit. Bei queeren Charakteren wünsche ich mir nicht nur, dass sie queer sind. Es geht um eine queere Biografie, um die queeren Erfahrungen rund um Coming-Outs, um Diskriminierung und all das, was queere Menschen erleben, weil sie queer sind. Sex Education ist hierfür eine wunderbare Serie. Jeder Charakter wundervoll queer und vielseitig.
Dann brauchen wir auch noch all das, was die Person außerhalb der Queerness macht. Wir queeren Menschen sind nicht 24/7 nur am Queersein. Wir gehen spazieren, wir machen Sport, lesen Bücher, mögen ein bestimmtes Genre an Film. Es geht um die Darstellung von Individualität und Charakter außerhalb des Queerseins.
Denn am Ende des Tages ist es nämlich so: Queere Menschen und nicht-queere Menschen haben mehr gemeinsam als sie unterscheidet. Was auch auf andere marginalisierte Gruppen zutrifft.
Gibt es die ‚eine Realität‘?
Medien stellen Realität nicht nur dar, sondern erzeugen sie.
Dabei geht es um die Ideen des Konstruktivismus. Dieser beschreibt an sich, dass die Realität durch unsere Wahrnehmung und unser Gehirn erst konstruiert wird. Das ist jetzt aber kein komischer, pseudowissenschaftlicher Quatsch, der durch die Ablehnung einer Realität irgendwelche Verschwörungen aufbaut.
Stattdessen geht es um die Idee, dass wir alle eine subjektive Realität erleben. Nicht, weil es im Großen und Ganzen keine Realität gibt, sondern weil wir sie alle unterschiedlich wahrnehmen. Wenn ich etwas sehen kann, dann weil das Licht reflektiert wird und in meine Augen tritt. Dort löst der Reiz eine Reaktion aus, die über den Sehnerv und weitere komplexe Vorgänge das Bild ins Gehirn schickt, wo es dann umgedreht und interpretiert wird.
| Das Bild wird „umgedreht“, weil es durch die Brechung des Lichts auf dem Kopf gestellt an der Netzhaut ankommt. Weil unser Gehirn das aber weiß, dreht es das Bild dann einfach um – sonst stünde alles auf dem Kopf! |
Nun gibt es aber ganz viele Dinge, die du nicht siehst. Weil du sie wirklich nicht sehen kannst oder weil deine Aufmerksamkeit woanders liegt. Und selbst, wenn wir dieselben Dinge sehen, werden wir sie womöglich unterschiedlich bewerten oder interpretieren. Auch das macht deine und meine Realität aus.
In Bezug auf Medien ist vom Medienkonstruktivismus die Rede. Denn Vieles in dieser Welt entzieht sich deiner direkten Wahrnehmung. Wir sind darauf angewiesen, dass Medien uns Dinge zeigen und erklären, die wir selbst nicht erleben können. Die Tagesschau informiert uns über Ereignisse in der ganzen Welt – ohne dass ich dabei sein muss. Genauso gibt es auch Dokumentationen, die mir Länder und Städte zeigen, die ich nie besucht habe.
Das ist einerseits gut, weil wir so deutlich mehr sehen und erleben können. Andererseits macht es unser Wissen von der Welt von den Medien abhängig. Und davon, was sie auswählen, welche Sprache sie nutzen und wie sie das Gezeigte umrahmen. Welche Repräsentation der Welt sehen wir? Vielleicht warst du ja – wie ich – noch nie in Nigeria. Wenn du jetzt deine Augen schließt und dir eine Stadt in Nigeria vorstellst, wie sähe diese aus?
Wie nah ist deine Vorstellung einer Stadt in Nigeria an diesem Foto hier dran?

Denn das, was die Medien auswählen, uns zu zeigen, ist nie vollständig und nie komplett objektiv. Das geht auch gar nicht, solange Menschen an den Prozessen beteiligt sind. So ist es beispielsweise keine Überraschung, dass Schundblätter wie die BILD-Zeitung ein ganz eigenes und problematisches Bild von der Welt zeichnen. Wer jedoch nichts anderes lesen würde als dieses Blatt, hält das wohl für die Realität.
Doch auch am oberen Gedankenspiel zu einer Stadt in Nigeria zeigt sich womöglich die rassistische Seite der von uns konstruierten Welt. Immer noch sitzen viele Menschen ganz selbstbewusst zuhause und denken, dass es in Afrika gar keine Städte gebe und die Menschen dort lebten alle in Lehmhütten. Zugegebenermaßen ist das auch das Bild, mit dem mich aufgewachsen bin.
So viel also zu dem Thema, dass Medien unser subjektives Fenster zur Realität sind. Es gilt also festzuhalten: Je vielfältiger unsere Medien, desto vielfältiger ist die Welt, die in unseren Köpfen entsteht.
Es geht um Bedürfnisbefriedigung
Das hier schreibe ich auf meinem Blog sicherlich nicht zum ersten Mal, aber es passt auch sooft so gut!
Medienkonsum ist Bedürfnisbefriedigung
Je nach Theorie oder Modell haben wir unterschiedliche Bedürfnisse. Hier erwähnen werde ich – wie auch im Artikel zu Videospielen und ihren positiven Effekte – die Konsistenztheorie (Grawe, 1998), die Selbstbestimmungstheorie (Ryan & Deci, 2008) und das Kohärenzgefühl (Antonovsky, 1979). Zusammengefasst fänden sich hier folgende Bedürfnisse:
- Bindung
- Selbstwerterhöhung / Selbstwertschutz
- Sicherheit und Kontrolle
- Lustgewinn / Unlustvermeidung
- Autonomie
- Kompetenzerleben
- Soziale Einbindung
- Verstehbarkeit
- Sinnhaftigkeit
- Handhabbarkeit
Wenn ich nun also im Fernsehen oder in einem Buch eine andere Person sehe oder erlebe, mit der ich Gemeinsamkeiten (wie Gruppenzugehörigkeiten) habe, dann spricht das u.a. auch einige dieser Gefühle an. Ich kann mich verbunden und weniger einsam fühlen, weil es dem „ich bin die einzige Person“ etwas entgegensetzt. Wenn die Person toll und positiv dargestellt wird, kann es meinem Selbstwert dienen. Ich kann eigene Sicherheit und Kontrolle über die Welt erleben, wenn ich diese Person und ihren Umgang mit der Welt sehe. Vielleicht erfahre ich sogar Lustgewinn (also etwas, das Freude oder Positives auslöst), weil die Person etwas tolles macht.
Je nach Gruppenzugehörigkeit – v.a. im Kontext von Marginalisierung – kann das Gefühl entstehen, dass ich die Diskriminierung aushalten muss und es nichts daran zu ändern gibt. Man erlebt Hilfs- und Machtlosigkeit. Aber eine andere Person derselben Gruppe zu sehen, die mit oder trotz derselben Erfahrungen ein gutes, selbstbestimmtes Leben führt, kann ein eigenes Autonomieerleben fördern oder sogar ein Kompetenzerleben. Zu sehen, was Diskriminierung macht und wie man damit umgehen kann und was trotzdem geht, kann auch helfen: Es macht die Welt handhabbarer, verständlicher. Vielleicht erkennen wir sogar einen anderen oder neuen Sinn im Leben?
Die größte Revolution ist ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben
Was du im Leben und in Medien sehen darfst und musst:
Die Medien sind also ein Teil unserer Welt bzw. erlauben uns Einblicke in das, was wir nicht direkt sehen können. Dadurch stärken sie aber auch Ideen davon, was richtig und falsch ist. Das, was ich immer wieder sehe, wird zur ‚Normalität‘. Letzteres kann problematische Auswirkungen auf uns haben: In vielen Filmen und Serien sehen wir heterosexuelle Menschen und es führt zur Idee queerer Menschen, „ich gehöre hier nicht dazu.“ Genauso sind viele visuelle Medienprodukte – im Fernsehen, Magazinen und social media – geprägt von normschönen Menschen: Große, durchtrainierte Männer. Schlanke Frauen. Die Schönheitsideale, wie wir sie kennen. Diese immer wieder zu sehen führt zu einer Unterrepräsentation aller, die dem nicht entsprechen. „Ich bin falsch und hässlich“, denkt man sich. Dabei sind alle Menschen, die nicht dem normativen Schönheitsideal entsprechen, genauso richtig und genauso schön. Auch, wenn wir es (leider!) nicht so in den Medien sehen.
Darauf aufbauend habe ich mich und meine Community gefragt, was man gerne mehr sehen möchte und muss:
- Gesichter von Schauspieler*innen, die Einzigartigkeiten oder ‚Makel‘ aufweisen, weil nicht jedes Gesicht perfekt sein muss
- Gute Beziehungsführung, Kommunikation und gelebter Konsens
- Beziehungen, in denen der Mann zuhause bleibt und die Frau arbeiten geht
- Wie man richtig miteinander streitet und sich hinterher trotzdem noch lieb hat
- Eltern, die ihre Kinder vor Gewalt und Übergriffigkeit beschützen
- Eltern, die auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen
- Kinder, die ernst genommen werden
- vegane Ernährung ohne Problematisierung oder Moralisierung
- Angst haben dürfen und auch mutig sein können, während man Angst hat
- Fehler eingestehen, Meinung ändern etc.
- Körperliche Autonomie, „Nein“ sagen können und Grenzen respektieren
- Männer, die ein Nein akzeptieren und nicht noch 3x ‚romantisch‘ versuchen, dich rumzukriegen
- ungebügelte Hemden und unaufgeräumte Wohnungen
- [Platz für all das, was du dir wünschst, zu sehen]
Deshalb möchte ich zum Ende des Textes festhalten:
Je vielfältiger unsere Medien sind, desto vielfältiger ist die Welt, die wir erleben können.
Quellen:
Hickethier, K. (2010). Einführung in die Medienwissenschaft (2. Aufl.). J.B. Metzler Verlag.
Freyermuth, G. S. (2015). Games, Game Design, Game Studies (1. Aufl.). transcript Verlag.
Fries, A., & Grawe, K. (2006). Inkonsistenz und psychische Gesundheit: eine Metaanalyse. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 54(2), 133-148.
Grittmann, E., & Thomas, T. (2018). Anerkennung und Sichtbarkeit. Impulse für kritische Medienkulturtheorie und -analyse. In T. Thomas, L. Brink, E. Grittmann, & K. de Wolff (Hrsg.), Anerkennung und Sichtbarkeit: Perspektiven für eine kritische Medienkulturforschung. transcript.
Mukherjee, S. (2017). Videogames and Postcolonialism. Springer International Publishing.
Reinecke, L., & Klein, S. A. (2015). Game Studies und Medienpsychologie. In K. Sachs-Hombach & J.-N. Thon (Hrsg.), Game Studies: Aktuelle Ansätze der Computerspielforschung (S. 210–251). Herbert von Halem Verlag.
Schäfer, S. K., Sopp, M. R., Fuchs, A., Kotzur, M., Maahs, L., & Michael, T. (2023). The relationship between sense of coherence and mental health problems from childhood to young adulthood: A meta-analysis. Journal of Affective Disorders, 325, 804–816.