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Nicht-binär, was soll das sein?

Heute, am 14.07. ist der internationale Tag nicht-binärer Menschen (‚International Non-Binary People’s Day‚). Seit 2012 wird er jedes Jahr ‚gefeiert‘ (ich finde das bei solch internationalen Awareness-Tagen immer ein seltsames Wort, dieses ‚feiern‘). Es geht um Aufmerksamkeit auf das Thema, um die Sichtbarkeit der Personen, die nicht-binär sind und ein Aufzeigen der Probleme und Diskriminierungen, die nichtbinäre Menschen betreffen. Der 14.07. ist genau in der Mitte zwischen dem internationalen Frauentag und dem internationalen Männertag.

Was ist das denn nun?

Nichtbinär ist ein Geschlecht.

Als nichtbinär können sich Menschen bezeichnen, die nicht (oder nicht zu 100%) Mann oder Frau sind. Stattdessen ist ihr Geschlecht beispielsweise beides gleichzeitig, zwischen männlich und weiblich, oder weder männlich noch weiblich.

Manche nichtbinäre Menschen verorten sich ganz außerhalb des binären Systems, manche haben gar kein Geschlecht (agender) oder haben eine Geschlechtsidentität, die sich immer wieder ändert (genderfluid) […]

(https://queer-lexikon.net/2017/06/08/nichtbinaer/)

Nichtbinarität ist also komplex und bricht aus der Cisnormativität und inhärenten Zweigeschlechtlichkeit aus. Die Gesellschaft in ihrer Norm hat zwei Geschlechter, Mann und Frau, als das Normale definiert. Als das, in das wir alle reinpassen und reingehören. Geschlechtlichkeit wurde vernatürlicht und biologisch essentialisiert – also auf eine biologische Grundlage reduziert. Ein Geschlecht sieht man an den Genitalien, heißt es. Da gibt es zwei Stück und das rechtfertigt dann alle geschlechtlichen Zuweisungen. Wie weit das verbreitet ist, sehen wir jeden Tag: Männer- und Frauenabteilungen in Klamottenläden, Make-Up (immer noch) nur wirklich erlaubt bei Frauen und zig tausend mehr Beispiele, wie sie sich auch bei der Rosa-Hellblau-Falle finden.

Schon im Kontext der cisgeschlechtlichen Zweigeschlechtlichkeit sind diese Zuordnungen quatsch und ein Unterdrückungsmechanismus. Warum sollten cis Männer kein Make-Up tragen, warum darf ein cis Mädchen nicht genauso Fußball spielen? Warum unterscheiden wir Fußball und Frauen-Fußball?

In all diesem Quatsch geschlechtlicher Zuweisungen und Erwartungen leben wir alle. Manche fühlen das mehr oder weniger. Sind mehr oder weniger spürbar von den Auswirkungen betroffen. Ein cis Mann darf nicht weinen und bloß keine Gefühle zeigen. Eine Frau soll bloß nicht zu maskulin und groß und stark sein. Kopfschmerzen vom Kopfschütteln kriege ich da.

Irgendwo dazwischen und drumherum existieren auch nicht-binäre Menschen. Irgendwann stellt man als Mensch vielleicht fest, dass Mann/Frau gar keine passenden Kategorien sind. Man ist gar nicht immer männlich oder immer weiblich. Vielleicht ist man beides oder gar nichts. Oder es verändert sich hin und wieder – Gender (Geschlecht) kann fluide sein.

„Neumodischer Quatsch!“

Oft hört man, das wäre so ein neues Ding und nur junge Menschen würden sich in Sachen Geschlecht so anstellen. Dabei zeigt die Menschheitsgeschichte, dass Geschlecht schon immer vielfältiger erlebt und gelebt wurde. Zumindest, wenn man die christlich-westliche Kultur hinter sich lässt und die übergestülpte Cisnormativität und Zweigeschlechtlichkeit der Heteronorm ablegt. Schon antike Überlieferungen aus dem Ägypten von vor 2000 v. Chr. berichten von Inschriften, in denen drei Geschlechter erwähnt wurden. Auch im Mesopotamien in den Jahrhunderten vor Christus gibt es Gött*innen und Menschen, die als ‚weder Mann noch Frau‘ bezeichnet wurden. Solche historischen Belege ziehen sich durch die ganze Welt, über alle Kontinente und durch zig Kulturen.

Für eine schnelle Übersicht kann man sich hier durchaus den Wikipedia-Artikel zur Geschichte des „dritten Geschlechts“ anschauen oder den Artikel über genderdiverse Identitäten weltweit, wie er im Nonbinary-Wiki steht. Besonders empfehlenswert natürlich auch die 2010er-Dissertation von Heinz-Jürgen Voß, mit dem Titel „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ (ISBN: 978-3-8376-1329-2)

Als queer-aktivistische Person, als queerpsychologisch arbeitende und forschende Person, als selbst queere und nicht-binäre Person, kenne ich viele Diskurse und Auseinandersetzungen und Erfahrungen. Wenn auch nicht alle (wer tut das schon?). Ich habe mit trans Personen gearbeitet, die wussten, in welche geschlechtliche Richtung und Entwicklung es gehen soll. Stimmtraining, Hormonersatztherapie, geschlechtsangleichende Operationen. Ich habe mit nicht-binären Personen gearbeitet, die sich gefragt haben: „Was soll ich tun, um mit meinem Geschlecht gesehen zu werden?“

Es gibt keine klaren Antworten. Keine „one size fits all“ Lösungen. In einer binärgeschlechtlichen Welt gibt es (noch) keine nicht-binäre Lösung. Es gibt nicht-binäre Personen, die sich selbst auch als transgeschlechtlich verstehen. Andere tun es nicht. Manche nehmen gender-affirming-care in Anspruch, wie bspw. Namensänderungen, andere Pronomen, Hormonersatztherapien, geschlechtsangleichender OPs. Andere tun es nicht. Auch binäre trans Personen tun das oder eben nicht.

Egal, was du als nicht-binäre Person tust oder nicht tust, du bist nicht-binär genug. Auch wenn Diskriminierungserfahrungen, Ausschlüsse, Gewalt und Ablehnung dir das Gegenteil erklären wollen. Nicht-binäre Menschen erleben all das. Deshalb ist es wichtig, Tage wie heute zu haben. Es ist wichtig, dass wir darüber und über Nichtbinarität reden. Nicht-binäre Menschen sind Teil unserer Welt und sie sind dir bereits längst bekannt, wie beispielsweise Sam Smith, Mae Martin, Nico Tortorella, Jack Haven, Judith Butler, J. Harrison Ghee, Lachlan Watson, Jonathan Van Ness oder Bella Ramsey!

Als Gesellschaft, als nicht-binäre Menschen, als Forscher*innen. So wie Simeon es tut (Grüße!):

“In meiner Forschung frage ich nicht, wer nichtbinär ist oder welches Geschlecht jemand hat, sondern durch welche Praktiken Nichtbinarität hervorgebracht, zugewiesen und bestritten wird.”

“Nichtbinarität als Denkfigur nutzen, die sichtbar macht, wie Differenzordnungen funktionieren. “

(Simeon Jäkh, https://www.soziopolis.de/introducing-non-binary.html)

“Was ist Geschlecht?” ist eine Frage, die ich (Sascha), gerne stelle. Mir, euch, der Gesellschaft. Wo fängt es an, wo hört es auf? Wieso ist es da? Wofür ist es da? Wer hat entschieden, wie es geht und was es tut? Wie man es ‘richtig’ tut? Hinterfragen und dekonstruieren tut uns allen gut. Das können wir alle tun, im Alltag und überall.

Und wenn du eine Person nur siehst, kennst du ihr Geschlecht nicht.

Deshalb gibt es diesen Tag. Deshalb möchte ich allen nicht-binären Geschwistern da draußen heute und grundsätzlich sagen: Ich sehe dich. Ich mag dich, wie du bist. Danke, dass es dich gibt.