Letzte Woche durfte (musste?) ich mal wieder mit dem Zug fahren. Sechs Stunden hin und sechs Stunden zurück. Natürlich lief nicht alles glatt, es ist immerhin die Deutsche Bahn. Dennoch konnte ich die Zeit gut nutzen – für Produktives!
Im Zug sitzend bin ich sehr produktiv. Das fiel mir dieses Mal auf, genauso wie schon zuvor zu anderen Gelegenheiten. Seitdem frage ich mich immer mal wieder, wieso das eigentlich der Fall ist. Was macht den Zug zu einem Ort der Produktivität für mich? Ich habe das Gefühl, dass es aus einer Druck- und Erwartungslosigkeit heraus entsteht. Der Zug ist nicht einfach ein normaler Ort und nachfolgend gehe ich kurz darauf ein, was ich damit meine. Vorher gibt es aber einen kurzen Exkurs in die „Nicht-Orte“.
Ein Nicht-Ort – im französischen Original auch non-lieu genannt – ist im Sinne des französischen Anthropologen Marc Augé (1994) ein Raum oder Ort in der Stadt frei von eigener Identität und Geschichte. Es sind monofunktionale Orte und Orte des „Durchzugs“; also die Örtlichkeiten, die nicht selbst Ziel einer Reise sind oder zum Verweilen einladen, sondern nur einen Übergang beschreiben. Bahnhöfe oder Flughäfen sind klassische Nicht-Orte. Wir sind nur dort, um woanders hinzugehen. Gleichzeitig sind sie beliebig gestaltet, haben keine nennenswerten Eigenheiten, keine Geschichte oder Identität. Genauso wie es Einkaufzentren sind oder auch moderne Etablissements wie McDonalds. Orte, die niemand freudig besucht und danach gefragt wird: „Und, wie wars am Bahnhof?!“. Gleichzeitig haben Nicht-Orte auch gemein, dass dort die restlichen sozialen Normen und Erwartungen an das Zusammenleben irgendwie anders funktionieren. An einem Flughafen barfuß und in Jogginghose auf dem Boden sitzend einschlafen? Ein gängiges Bild. In einer Bibliothek oder einem Café eher ungewöhnlich.
Ein Zug ist sicherlich auch eine Art Nicht-Ort. Also erstens schon deshalb, weil es kein Ort ist, sondern ein Mittel zur Fortbewegung. Doch wenn ich darin sitze, dann ist es ein Ort. „Im Zug“ ist eine Angabe, wenn man mich fragt, wo ich gerade bin. Dann wissen die fragenden Menschen und ich, worum es geht. Nachfragen richten sich dann eher nach den gängigen Erfahrungen und Erwartungen: „Ist es voll? Kannst du sitzen? Bist du pünktlich?“ So viele Reisende teilen mit mir für mehrere Stunden diesen Ort. Es wird geschlafen, gegessen, geredet und gelacht. Gearbeitet natürlich auch. Manche telefonieren oder halten Videocalls ab. Letztere zwei Exemplare haben einen eigenen Höllenkreis verdient.
Zurück zur Produktivität. Sobald ich im Zug sitze und er fährt, erfasst mich eine Produktivität und Umtriebigkeit. So fing ich letzte Woche im Zug an zu lesen, ich machte mir Notizen, schrieb ein Konzept für ein Seminar, kümmerte mich um Grafiken fürs Marketing. Die Aufgaben rasen nur so an mir vorbei und der Blick auf die Uhr verrät mir: Ich bin immer noch nicht annähernd am Ziel. Was sind Züge für seltsame Orte?
In meinem Nicht-Zug-Alltag leide ich – wie viele Menschen – an den verinnerlichten Klauen des Kapitalismus. Immer muss noch mehr getan, mehr gearbeitet und geleistet werden. Der Status Quo: Unzureichend. Würde ich also Kapitalismus oder Friedrich Merz fragen, hieße es: „Du, Sascha, bist nicht gut genug.“ Arbeite mehr, leiste mehr. Wie ein dressierter Tanzaffe. Das baut Druck auf: Leistungsdruck, Erwartungsdruck. Dieser Druck kann der Produktivität im Wege stehen, da das Tun und die Umtriebigkeit sich ja in körperlicher oder kognitiver Bewegung zeigen. Unter allumfassendem Druck bewegt man sich aber nur wenig oder nur schwerfällig. Während ich im Alltag an einer Sache arbeite, denkt mein Kopf bereits an sieben andere Dinge, die zu tun sind. Und das, woran ich gerade arbeite? Das ist nicht gut genug. Ich bin nicht gut genug.
Dann gibt es da den Zug. Da bist du einfach nur du. Du musst gar nichts tun, außer auf deinem Allerwertesten sitzen oder stehen. Ankommen tust du (meistens) trotzdem. Egal, wie viel oder wie wenig du tust, du kommst trotzdem an. Das ist die Magie des Zuges. Ein müheloser Fortschritt durch die Zeit. Im Zug haben wir primär nur eine Aufgabe: Ankommen. Das ist alles, was die Welt, der Kapitalismus und Merz von dir verlangen. Komm‘ an, damit du an diesem Ziel dann wieder arbeiten und treiben kannst! Der Druck vom vorigem Absatz? Der ist weg. Kein Leistungsdruck, kein Erwartungsdruck. Du musst gar nichts tun und du kannst auch gar nichts falsch machen. Alles, was geschehen muss, liegt außerhalb deiner Einflüsse. Kontrolle? Abgegeben.
Es ist also im Zug genau diese Drucklosigkeit durch das dem Zug innewohnende Fortschreiten, die ich für meine Produktivität verantwortlich mache. Im Zug tue ich nur das, worauf ich Lust habe. Ohne den allumfassenden Druck können sich meine Motivation, meine Kreativität, meine Gedanken einfach entfalten und ausbreiten. Zeitgleich befinde ich mich in der Gegenwart so vieler Menschen, so vielfältiger Tätigkeiten. Vielleicht spielt hier also auch das Konzept des Body-Doublings eine Rolle. Das nächste Mal beobachte ich, ob meine Produktivität davon abhängt, ob ich andere Menschen arbeiten sehe/höre.
Dieser Text ist nur ein verschriftlichtes Nachdenken über eigene Beobachtungen und Erfahrungen. Ob Zugfahren die Produktivität tatsächlich erhöht und ob es am fehlenden Leistungs- und Erwartungsdruck liegt, das wird hier nicht final geklärt. Dazu müsste ich dazu passende Studien lesen. Aber das will ich nicht – manches darf ganz unwissenschaftlich erlebt und beschrieben werden.