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Dieses Buch war nicht „too much“

2026 erschien mit “Too much. Warum wir Kontrolle suchen – und Kraft im Loslassen finden” das dritte Buch von Eva Asselmann. Veröffentlicht im dvt Verlag nimmt Asselmann uns in diesem Fachbuch mit in eine viel zu volle, viel zu schnelle und erwartungsvolle Welt – und bringt uns als Psychologin nahe, welchen Umgang wir damit finden können. Ich kenne das nur zu gut, diese schnelle und volle Welt. Hier ein Job, dort ein Studium und zwischendurch schaut man sich auf zwei, drei oder vier sozialen Netzwerken Inhalte und Leben anderer Menschen an. Genau der richtige Ausgangspunkt für das Buch!

„Kontrollverlust trifft nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Manche flüchten in Routinen, andere gehen auf Distanz“ (S. 170)

Der Inhalt teilt sich in drei große Teile ein. Das erste große Kapitel bringt dir neun alltägliche Aspekte mit, die uns überfordern. Von dem zu schnellen Leben über eine kognitive Überlastung, weil wir ständig und überall viel zu viel wahrnehmen, bis hin zum Thema Einsamkeit. In Teil 2 führt uns Asselmann durch vier Säulen gelungenen Alltags: Angemessene Kontrolle, eine innere Stärke, mehr Gemeinschaft und ein Vertrauen in uns und die Umwelt. Nachdem du also kennengelernt hast, was dich im Alltag überall so stresst und was dich mit neuer Energie und Ruhe versorgen kann, geht es mit dem dritten Teil direkt in die Handlung: Wie kannst du deine Selbstwirksamkeit entfalten? Ein Kapitel mit einfachen Methoden und Ansätzen, eingeteilt in sechs Wochen. Denn wie das Buch im Titel schon verrät: Es soll nicht too much sein! Deshalb sind über das ganze Buch verteilt kleine Kapitel mit Methoden, die du direkt ausprobieren und für dich mitnehmen kannst. Von einer bewussten Wahrnehmung über die Sinne, das Sortieren von Gedanken auf dem Papier bis hin zu mehr kindlichem Spaß im Alltag. Natürlich kannst du die sechs Wochen auch in weniger Zeit umsetzen. Oder gar nicht persönlich umsetzen, so wie ich. 

In all diesen Kapiteln schreibt die Autorin in einer gut verständlichen und greifbaren Sprache. Dabei erklärt sie nicht einfach psychologische Phänomene oder hält eine Vorlesung wie im Studium – es geht vielmehr immer wieder um die Alltäglichkeit all unserer Probleme. Sie bringt uns Beispiele und Personen mit, schildert deren Alltag. Anna arbeitet zu viel, sie jongliert Job, Alltag, Muttersein. Jasmin ist froh um eine Absage auf ihre Bewerbung. Es wäre zu viel geworden und der Job hätte gar nicht gepasst. Nur zwei von zahlreichen Erfahrungen, die Asselmann uns mitbringt und damit psychologische Phänomene, Erklärungen und Studien auf den Punkt bringt. Zwischen all diesem Alltag und der Psychologie liegt das wissenschaftliche Fundament, auf das die Autorin sich hier stützt. Neugierige Leser*innen können am Ende des Buches 18 Seiten Quellenangaben durchstöbern.

„Drei Säulen sind es, die das Fundament einer stabilen Gesellschaft bilden: Sicherheit, Zugehörigkeit und Teilhabe. Nicht große Prläne verändern das soziale Klima, sondern das Wissen, verbunden und handlungsfähig zu sein.“ (S. 184)

Es ist eine mich überzeugende Mischung aus verständlicher Alltäglichkeit und wissenschaftlicher Tiefe. Eva Asselmann lässt in regelmäßigen Abständen im Buch Fachbegriffe fallen und erklärt sie kurz und ordnet sie in die praktische Relevanz ein. Availability Bias? Korrumpierungseffekt? Narrative Identität? Und auch, wenn es meist um das Individuum geht und auch das letzte Kapitel individuelle Methoden für deine eigene Selbstwirksamkeit anspricht, so verzichtet die Autorin genau auf das, was mich an vielen anderen psychologischen Büchern und Selbsthilfetiteln stört: Du bist alleine Herr deines Lebens und hast alles unter Kontrolle, dein Glück ist nur dein eigener Job! Wer sich in der Gesellschaft umschaut, der weiß es – so einfach ist das nicht. Deshalb greift auch Eva Asselmann immer wieder auf, dass wir in einer Gesellschaft leben. In einem Miteinander. In einer Welt, in der Ressourcen aller Art (Geld, Zeit, Gesundheit) ungleich verteilt sind. Sie erklärt dir, dass vieles im Leben außerhalb unserer eigenen Kontrolle liegt und nutzt das, um den Blick neu auszurichten: Auf das, was in unserer Hand liegt. 

Dabei störte mich nur ein wiederkehrender Aspekt im Buch. Die hohe und mir unnötig erscheinende Überschriften-Dichte. Im Inhaltsverzeichnis hat Teil 1 nur neun Unterkapitel und doch hat das allererste davon 13 kleine Überschriften, mittendrin im Text. Sie sprechen kurz etwas an und dann geht das Thema weiter. Manchmal ein neues, manchmal das Alte. Bei einem Großteil der Überschriften dachte ich mir jedoch: Die war hier nicht nötig. Das machte es mir schwierig, wirklich dranzubleiben. Aber vielleicht war das ja auch Absicht: Kleine Happen, die man Absatz für Absatz gut in einen stressigen und vollen Alltag einbauen kann. Damit das Buch nicht “too much” wird. 

Dieser kleine Störfaktor blieb aber der einzige und vermutlich ist es einfach ein sehr individuelles Erleben, ob man im Lesefluss regelmäßig von Überschriften unterbrochen werden will oder nicht. Aber darüber hinaus ist das Buch von Prof. Dr. Eva Asselmann eine lohnenswerte Anschaffung für Nicht-Psycholog*innen, denen der Alltag auch einfach mal zu viel ist. Das Buch vermittelt eine Vielfalt an Herausforderungen und Stressoren im Alltag und bietet hier einige neue Perspektiven an. Dabei schafft es auch wiederholt den Anstoß zur Reflexion: Muss ich wirklich immer alles so schnell machen? Lohnt es sich wirklich, täglich Nachrichten zu schauen? Sollte ich auch mal Kontrolle abgeben oder einen Sprung wagen? Für mich als Psychologe waren nur wenig neue Erkenntnisse oder Themen dabei, über die ich noch nicht genau so nachgedacht hatte oder Bescheid weiß. Womöglich ist das aber in einer eigenen und individuellen Neugier begründet und weniger im Studium. An manchen Stellen dachte ich mir durchaus, dass so einige psychologische und psychotherapeutische Kolleg*innen aus meiner Biografie das lesen sollten.

Prof. Dr. Eva Asselmanns Buch “Too much” bietet auf 250 Seite vielfältige Blicke in unseren Alltag und das, was uns überfordert und stresst. Dabei skizziert sie zwar eine Welt, die wir nicht kontrollieren können und in der unser Leben einfach nur geschieht, richtet aber immer wieder neue Perspektiven ein auf das, was wir beeinflussen und für uns tun können. Von all den Stressoren geht es dann über in unsere Ressourcen und Erholung, bevor das Buch mit einem 6-wöchigen Methodenkoffer zu mehr Selbstwirksamkeit endet. Ich kann das Buch empfehlen für einen klaren Blick auf unsere alltäglichen Stressoren und einen möglichen Umgang mit ihnen und für eine differenzierte Einschätzung bezüglich dessen, was wir wirklich beeinflussen können.

Das vorliegende Exemplar wurde vom dtv zur Verfügung gestellt.

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