288 Seiten. Es geht um queere Einsamkeit, um queere Gemeinschaft. Wie wollen wir leben, fragt uns Autor Lennart Herberhold.
April 2026 erschien das zweite Buch von Lennart Herberhold. Mit dem Titel “Queere Einsamkeit. Queere Gemeinschaft. Wie wollen wir leben?” bringt er im Querverlag ein ganz zauberhaft queeres Sachbuch heraus. Oder ist es eine Biografie? Eine Dokumentation? Ach egal. Noch im selben Monat der Veröffentlichung durfte ich nicht nur das Buch, sondern auch den Autor selbst kennenlernen. Zur Jahrestagung des Fachverbands queerer Menschen in der Psychologie [VLSP*] las Herberhold daraus vor, berichtete von dem Entstehungsprozess und kam mit uns Psycholog*innen ins Gespräch. Nach diesen eindrücklichen Einblicken war mir sofort klar: Ich muss es lesen! Schon die Veranstaltung mit dem Autor hat mir als queere Person nicht nur mehr als einmal Tränen in die Augen getrieben, sondern auch irgendwie ein warmes Gefühl in meiner Brust hinterlassen.
Die zwei Haupttitel des Buches sind gleichzeitig auch die zwei großen Kapitel. Einsamkeit und Gemeinschaft. Aus der Sicht und der Biografie queerer Menschen. Als schwuler Mann in seinen 50ern (ich hoffe, ich erinnere mich hier richtig!), der in der saarländischen Provinz aufwuchs, kennt Lennart beide Themen sehr gut. Auch in seinem Buch macht er daraus kein Geheimnis. Mit dieser eigenen Biografie im Gepäck nimmt Herberhold uns mit durch Deutschland. Durch das queere Deutschland. In Dörfern und Großstädten sprach er mit 15 queeren Menschen über genau diese Themen. Menschen zwischen fünfzehn und fünfundachtzig. Die unterschiedlichsten Biografien und Identitäten betreten die Bühne. Vom schwulen Mann in seinen 60ern, der auf Grindr nach Nähe und Zärtlichkeit sucht bis hin zu einem trans Jungen, der über seine Schulzeit spricht. Jedes Kapitel bringt eine Geschichte mit, ein Thema. Dabei geht es um Einsamkeit und Gemeinschaft und um all das, was dazwischen liegt. Es ist eine Vielfalt an queeren Biografien, die nicht ohne Schmerzen, Leid, Diskriminierung auskommen. Genauso wenig, wie es ihnen an Tiefgang, an Freude, an Pride, an Wärme fehlt.
“Mir geht es oft so, dass Begegnungen nicht tief genug sind. Ich bin auf der Suche nach richtigem Kontakt. Nach richtiger Tiefe. Und damit überfordere ich Menschen auch oft. Ick bin niemand für die Oberfläche.” (Manuela)
Lennart schreibt so, wie er es auch spricht. Oder vielleicht ist es andersherum. Es ist ganz unkompliziert geschrieben, liest sich wie ein Gespräch auf Augenhöhe. Wie ein vertrautes Gespräch. All die Eindrücke und Erfahrungen, die er aus den Interviews – ein eigentlich völlig unpassendes Wort für diesen einfühlsamen Austausch unter Queers – brachten mir nicht nur ein Gefühl von Nähe mit, sondern auch von Wertschätzung und Verständnis. Wir lesen vom Queersein in den 80ern, teilen die Erfahrungen mit schwulem Onlinedating, machen uns Gedanken über das queere Altwerden. Dann geht es auch um queere Wohnprojekte, um alternative Familienkonstellationen und um die queere Wahlfamilie, die einfach da ist. Dabei geht es nicht immer nur um die bloße Biografie und Erfahrungen seiner Gesprächspartner*innen. Er setzt es in Verbindung zur eigenen Geschichte, teilt Beobachtungen aus dem Alltag, spricht über die Philosophie der Einsamkeit. Dazwischen findest du Fragen und Einladungen. Er, der Autor, fragt dich. Welche Erfahrungen hast du mit Einsamkeit? Warum hast du dieses Buch gekauft? Wann hast du zuletzt Nähe gespürt? Es sind persönliche Fragen, vielleicht auch philosophische Fragen. Die Abschnitte im Buch, in denen Lennart nicht direkt mit Menschen spricht oder von seinen Konversationen mit ihnen berichtet, lesen sich wie ein nachdenkliches Tagträumen auf einer Frühlingswiese.
Einsamer, weil eine Sehnsucht geweckt wurde, die sich mit einer halben Stunde Sex, mit Porno-Talk und Poppers, niemals befriedigen lässt. Einsamer auch, weil wir wissen: Ich bin austauschbar, und du, der Typ, der hier neben mir liegt oder schon im Bad verschwunden ist, um sich abzuwischen und dann so schnell wie möglich zu verschwinden, bist es auch. (Lennart)
Die 288 Seiten haben mich tagtäglich begleitet, jeden Tag tauchte ich ein wenig in die Zeilen ein. Ich durfte lachen, nachdenken, mich einfühlen, weinen und erinnern. Dabei haben mich nicht nur die Geschichten und diese vielfältigen, beeindruckenden Personen überzeugt, sondern Lennarts offene, ehrliche und emotionale Art zu schreiben. Dennoch ist das Thema kein leichtes. Wer selbst queer ist, wird einige der Erfahrungen – schöne wie schmerzhafte – selbst kennen. Ich konnte das Buch deshalb auch nicht in langen Sitzungen lesen; zu emotional und manchmal auch schmerzhaft wäre es gewesen. Was nach der Lektüre bleibt, ist ein tiefes Gefühl von Verbundenheit mit den Menschen im Buch. Trotz – oder wegen? – der Emotionen war es jede Seite wert und könnte ich es noch einmal zum ersten Mal lesen: Ich würde es. Empfehlen kann ich es allen queeren Geschwistern da draußen, die sich auch manchmal einsam fühlen oder eine Verbindung zu anderen suchen. Aber auch die Menschen außerhalb der Community dürfen es lesen, um Einblicke zu erhalten und Anteil zu nehmen an den Biografien einer vermeintlichen Minderheit. Vielleicht auch, damit noch einmal klar wird: Uns gab es schon immer und werden auch für immer bleiben und überall sein.
“Klar wie Kloßbrühe” ist sie, meine Empfehlung für Herberholds 288-seitige Dokumentation zu queerer Einsamkeit und queerer Gemeinschaft. Es ist eine emotionale Reise, auf die der Autor uns mitnimmt. Wir sind dabei, wenn er nicht nur 15 queere Menschen unterschiedlichsten Alters, Wohnortes und Herkunft besucht, sondern auch über eigene Erfahrungen spricht. Was dem Autor dazwischen noch wichtig ist, bist du. Die lesende Person.
Danke für dieses Buch, Lennart.
Hier geht es zum Buch [Querverlag]
Das vorliegende Exemplar ist ein vom Verlag zur Verfügung gestelltes Rezensionsexemplar.