Coming-Outs von Prominenten werden oft weit verbreitet und Individuen sinnieren darüber nach, wann oder wie sie sich outen wollen und sollen. Dieses Outing wird oft als zentraler Teil queeren Lebens behandelt, aber so einfach ist das nicht.
Dies ist ein persönlicher Text, eine Beobachtung, eine Auseinandersetzung. Beschriebene Erfahrungen queeren Erlebens beruhen hier auf eigenen biografischen Abschnitten oder Gesprächen mit anderen Menschen. Deine eigene queere Erfahrung kann und darf ganz anders aussehen. Jede queere Biografie ist ein bisschen anders. Deine Biografie ist deine. Und das macht sie so schön und einzigartig.
Von außen und auch in den Medien sehen wir oft dieses Bild, dass ein Coming-Out einmalig stattfindet und dann alles verändert. Das ist aber nicht nur unrealistisch, sondern setzt auch hohe Maßstäbe. Ich oute mich nur einmal, da muss es doch perfekt sein! Manchmal fühlt es sich so an wie das gesellschaftliche Bild eines Heiratsantrages: Einmalig, einzigartig, perfekt. Dabei ist das hier ja schon quatsch. Heiratsanträge gibt es auch spontan, messy, unüberlegt, erfolglos. Und: Es gibt Scheidungen. Es gibt einen zweiten Antrag. Vielleicht einen dritten und vierten.
Ähnlich wie beim Heiratsantrag – ich bleibe jetzt einmal mal bei der Analogie! – ist der Moment selbst nur das letzte äußere Verhalten, dass sich beobachten lässt. Dem geht jedoch viel voraus! Das Kennenlernen, das sich Auseinandersetzen, das Verlieben und die letzte Gewissheit: Mit dieser Person möchte ich einen Teil des Lebens gemeinsam gehen, so ganz offiziell! Man muss eine Person auch erst innerlich heiraten wollen, bevor man sie wirklich fragt. Das macht den Vergleich zum Coming-Out so gut. Queere Menschen kennen das; es ist ein Prozess. Ich stelle fest, dass ich vielleicht nicht ganz in die gesellschaftliche Norm passe. Anfangs kann man es gar nicht benennen. Irgendwann findet man vielleicht ein Wort dafür, weil man davon gehört hat. Schwul. Bisexuell. Transgeschlechtlich. Aber mit der ersten Idee einer Identität geht auch eine große Frage einher: „Bin ich das wirklich?“ Man zweifelt, man hinterfragt, man leugnet. Ich kann doch gar nicht so sein, ich bin ja nicht wie die anderen und so. Dann denkt man vielleicht auch an die Diskriminierung, die man so sieht. Will ich das? Gehört das dazu?
Doch mit jedem Tag lernt man sich besser kennen. Wie in einer romantischen Beziehung. Ich erfahre mehr über mich, spüre, was ich will und wie ich bin. Dann irgendwann, schrittweise und immer lauter werdend die Erkenntnis in mir drin: Ja, ich bin bi! Damit hört es aber nicht auf. Wir müssen darüber nachdenken, was das nun für uns bedeutet. Wortwörtlich und auch alltäglich. Was bedeutet bi für mich? Was bedeutet das jetzt für mein Leben, für meinen Alltag, für mein miteinander? Zu diesem Zeitpunkt hat man womöglich noch niemandem auf dieser Welt davon erzählt. Man will es erst besser verstehen, es klar abstecken und definieren. Dann erst mag ich mich hinstellen und einer Person davon erzählen. Damit ich gewappnet bin, wenn Fragen kommen. Ich will doch nicht „ach, was heißt das nun?“ hören und dann anfangen zu stocken! Ein Coming-Out wird zur high-stake Situation, als säße ich bei Günther Jauch (der alte Mann von ‚Wer wird Millionär‘). Frag mich alles, ich bin vorbereitet!
Damit endet die Coming-Out-Geschichte. Oder doch nicht? Herzlichen Glückwunsch, Kapitel 1 ist vorbei. Ich habe mich bei mir selbst geoutet. Man spricht hier oft vom „inneren Coming-Out“, also dem innerlichen Feststellen, Annehmen und Ankommen in einer queeren Identität. Was jetzt folgt sind 3.572 äußere Coming-Outs. Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Denn überraschenderweise muss man jeder neuen Person wieder davon erzählen. Ich bin kein Prominenter, der es einmal in die Kamera sagt und danach weiß es die ganze Welt. Beste Freund*innen, Eltern, andere Familienmitglieder, Klassenkamerad*innen, Kolleg*innen, neue Freund*innen und noch viele mehr. Immer, wenn du jemandem begegnest, der dich noch nicht kennt.
Dabei bleibt es nicht bei nur einer Identität. Der Mensch ist komplex. Menschen verändern sich, Leben ändern sich. Vielleicht merkst du mit 14, dass du bisexuell bist. Mit 21 hast du eine Zeit, in der du dich eher im Schwulsein wohlfühlst. Vielleicht folgt dem eine Zeit der Pansexualität? Womöglich hast du mit 30 einfach keinen Bock mehr auf diese ganzen Untersexualitäten und sagst einfach nur: „Ich bin queer.“ Außer natürlich, du heißt Jens Spahn. Wenn du das hier liest, Jens, respektiere ich deine Selbstbeschreibung trotzdem. Anders als deine Politik. 🙂
Bisher drehte sich alles um Sexualität. Schwulsein, Bisexualität und so. Irgendwie ging es bisher darum, wen ich heiß, attraktiv und sexuell begehrenswert finde. Damit haben wir so einen winzigen Teil von Queerness abgedeckt. Denn all das, was hier einem Outing bisher als vorausgehend beschrieben wurde, kannst du dann nochmal durchmachen: Let’s figure out your gender! Das ist aber irgendwie komplexer, weil wir um Geschlecht im Leben so schlecht herumkommen. Sexualität kann ich einfach nicht ansprechen. Oder nicht ausleben. Oder nur mit den einzelnen Menschen teilen, mit denen es passt. Geschlecht, das ist das Ding, das wir alle angeblich offensichtlich haben. Du kriegst Briefe und E-Mails mit Herr oder Frau als Anrede. In ersten Gesprächen wird dir von deinem Gegenüber direkt ein Geschlecht aufgedrückt: Ein kurzer Check, wie du aussiehst und schon soll klar sein, was du bist. Aber Menschen wissen von außen nur selten, wie es wirklich in dir drin aussieht. Vielleicht fingst du schon früh im Leben an, dich nicht so nach deinem Geburtsgeschlecht zu verhalten. Bist zwar der Sohnemann deiner Eltern, aber irgendwie findest du Puppen und Kunst und Tanzen viel toller als Fußball und Technik. Oder magst alles davon. Oder nichts? Am Ende hat eh nichts davon mit Geschlecht zu tun. Autos repariert man schließlich mit Händen, nicht mit dem Penis. Glaube ich zumindest – ich habe von Autos keine Ahnung.
Wenn man aber nach dem ganzen Hin und Her das mit dem eigenen Geschlecht für sich geklärt hat, dann muss man das irgendwie kommunizieren. Ob ich nun schwul oder bi bin, ist mir im Kontakt mit meinem Kollegen ja egal. Aber wenn ich mir doch sage: „Puh, ich bin gar kein Mann, sondern nicht-binär“, dann muss das ja gesagt sein. Sonst heißt es weiterhin in E-Mails, Briefen und Gesprächen „Herr“. Unangenehm. Ob Institutionen und Personen sich dann danach richten, ist eine andere Frage. Aber es wird Thema werden müssen, sofern man sich daran stört. Denn auch das muss gar nicht der Fall sein. Es gibt das Konzept der Geschlechtsdysphorie, aber sie ist keine notwendige Bedingung fürs nicht cis sein. Ich darf mich okay damit fühlen, denselben Namen und dieselben Pronomen zu verwenden. Seht mich weiter als Mann, es stört mich nicht. Ich schmunzle in mich hinein und kichere, denn du hast Unrecht. Es ist unser kleines Geheimnis. Schabernack, möchte ich fast sagen, hätte ein gewisser Politik-Clown das Wort nicht so mit seiner Persönlichkeit verunstaltet. Let’s reclaim „Schabernack“. Ätschibätschi, Philipp!
Grundsätzlich gilt aber: Tue, was sich für dich gut anfühlt. Deine Queerness ansprechen, sie ausleben, sie verstecken, sie nur mit einem kleinen Kreis teilen. Niemand darf dir vorgeben, wie du queer zu sein hast. Und ganz ehrlich: Ich finde das Konzept eines Coming-Outs eh auch ein bisschen kacke. Der Name impliziert ja irgendwie, dass ich aus mir herauskomme. Dass ich heraustrete in die andere Welt und dann ich bin. Einerseits sehe ich das mit dem Outing aus einem dekonstruktivistischen Ansatz heraus eh kritisch: Wir müssen laut sagen, dass wir anders sind, aber nur, weil die Gesellschaft sich so ein scheiß „normal“ ausgedacht hat. Man könnte einfach mal aufhören, Cisgeschlechtlichkeit, Heterosexualität, Allosexualität und -romantik und Dyageschlechtlichkeit als Norm (Erklärungen dazu ganz unten) zu sehen.
Andererseits will ich gar nicht „heraustreten“ in eure Welt. Eure Welt ist scheiße. Das ist die Welt mit den Ansprüchen, mit den Erwartungen, mit den Normen und Regeln. Ich finde meine Welt da ja viel schöner. Und weil es meine Welt ist, darf ich über deren Besucher*innen entscheiden. In mir drin ist eine Welt voller Sanftheit, Verständnis und ein paar Regenbögen. Eine Welt mit endloser Schokolade, mit Sonnenschein und deinen liebsten Haustieren. In mir drin, da bin ich richtig, so wie ich bin. Und wenn ich dich in diese Welt hineinlasse, dann bist du es auch. Meine Queere Identität kommt mit einem ‚letting in‘, anstatt einem Coming-out. Ich lasse dich hinein in meine Welt, in mein Denken und Fühlen. Meine Welt nach außen tragen führt nur dazu, dass all das Schöne, was sie ausmacht, verblasst. Warum sollte ich meine Welt rauslassen in diese Gesellschaft der Erwartungen, des Drucks, des Arbeitens und Sturseins, der Konkurrenz und Kriege?
Dennoch werden Coming-Outs besprochen. Von Prominenten. Von Menschen im Umfeld. Innerhalb der Community. Es gibt Studien dazu, wer sich in welchem Alter outet. Man fragt nach, vor wem man sich das erste Mal geoutet hat. Und geoutete Menschen sind richtig und wichtig. Ich liebe Sichtbarkeit und Repräsentation. Es sind all die queeren Menschen vor mir, die durch ihre Sichtbarkeit den Weg geebnet haben. Danke, dass ihr mir Worte gegeben habt. Doch nicht jede Person muss sich outen. Nicht jede Person kann es. Ein Outing bedarf immer noch den richtigen Worten, dem richtigen Umfeld, einer gefühlten Sicherheit. Für viele Menschen ist das nicht möglich.
Auch diese Menschen gibt es. Auch diese Menschen sehe ich. Egal, ob du dich vor anderen Menschen outen kannst oder nicht: Danke, dass es dich gibt. Queerness ist kein Zustand, den man erreicht. Sie ist ein Prozess. Sie ist eine Vielfalt in sich drin. Eine Lebendigkeit, steten Veränderungen unterworfen, mal klein mal groß. Und ich bin sichtbar für all diejenigen, die nicht sichtbar queer sein können oder wollen.
Danke, dass du diesen Text gelesen hast. Wenn du dich mehr für queere Ideen und auch queere Inklusion interessierst, dann schau doch mal meinen Text zu → Feminismus und queere Inklusion an.
Glossar:
Cisgeschlechtlichkeit: nicht transgeschlechtlich. Das eigene Geschlecht entspricht dem Geschlecht, das man zur Geburt zugewiesen bekam.
Heterosexualität: Sexuelle Anziehung zum ‚anderen‘ Geschlecht.
Allosexualität und -romantik: Nicht asexuell/aromantisch. Den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechendes Erleben von sexueller und romantischer Anziehung.
Dyageschlechtlichkeit: Nicht intergeschlechtlich. Die äußerlich sichtbaren Genitalien entsprachen zur Geburt eindeutig den binär-geschlechtlichen Vorstellungen von Genitalien.
Für weitere Unklarheiten und Fragen empfehle ich grundsätzlich das → Queerlexikon.