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Feminismus und queere Inklusion

Es ist der 08. März und wir begehen den internationalen Frauentag, im vermeintlichen Sinn des Feminismus. Aber ich feiere heute nicht den Frauentag, sondern den feministischen Kampftag. Warum? Weil Wertschätzung und Dankbarkeit gegenüber von Frauen das Patriarchat nicht besiegen wird.

Bei Feminismus denken viele an wütende cis Frauen, an Männerhass und überzogene Aktionen. Dabei ist klar: Wütend sein ist richtig und wichtig, es geht niemandem um Männerhass und überzogen ist nicht die Aktion, sondern deine Abwehrhaltung gegenüber notwendiger Veränderungen.

Auch queere Menschen sind betroffen. Denn der feministische Kampftag spricht geschlechterbezogene Diskriminierung aufgrund patriarchaler Strukturen an. Davon sind auch trans Personen betroffen, genauso wie nicht-binäre Menschen. Gemäß des Minderheitenstressmodells nach Meyer (1995) und Testa (2015) wirken externe (distale) Stressfaktoren und interne (proximale) Stressfaktoren auf das Individuum (s. Abb. 1).

Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich Minderheitenstress (siehe Webseite des LSVD) anhand des ‚Gender Minority Stress Resilience Measure‘ (Testa et al. 2015, in dt. Übersetzung von Jäggi et al. 2018) erhoben. Hier besteht dieser aus den vier distalen Stressoren und drei proximalen Stressoren (s. Abb. 1). Bei Diskriminierung, Ablehnung und Viktimisierung wird das Erleben über die Skala „nie“, „vor dem 18. Lebensjahr“, „nach dem 18. Lebensjahr“ und „letztes Jahr“ erhoben. Die restlichen Stressoren über eine fünf-Punkt Likert-Skala (’stimme überhaupt nicht zu‘ bis ’stimme total zu‘). Die Summe aller Fragen innerhalb einzelner Stressoren und über alle hinweg ergibt dann den Minderheitenstress bzw. die Ausprägung einzelner Faktoren.

Vorläufige deskriptive Statistiken nach Gruppierung von Geschlechtsidentität zeigen hier:

  • Der Mittelwert der Gesamtsumme ist bei der Gruppe trans weiblicher Personen am Höchsten. Gefolgt von trans männlichen Personen (s. Abb. 2 links)
  • Der Mittelwert für erlebte Viktimisierung – also Gewalterfahrungen – ist ebenfalls bei trans weiblichen und trans männlichen Personen am Höchsten (s. Abb. 3 mittig)
  • Negative Erwartungen an die Umwelt zeigen sich im Mittel am Höchsten bei trans weiblichen und nicht-binären Personen (s. Abb. 4 rechts)

(Hierbei handelt es sich um rein deskriptive Maße, es ist das jeweilige arithmetische Mittel angebeben. Es fanden hier noch keine statistischen Mittelwertvergleiche oder Inferenzstatistiken statt.)

Auch in Sachen Gewalterfahrungen zeigt sich anhand der Dunkelfeldstudie LeSuBiA (Leitgäb-Guzy & Bieber 2026) nicht nur, dass Frauen mehr Gewalt erfahren als Männer, sondern dass Menschen der LSBTQIA+ Community häufiger von Gewalt betroffen sind als nicht queere Menschen (s. Abb. 5). Ein Grund für queerinklusiven Feminismus.

Aber was ist dieser „Weltfrauentag“ denn eigentlich? Am 19.03.1911 gab es den internationalen Frauentag in Deutschland zum ersten Mal. Seitdem ging/geht es um Wahlrecht, gleiche Chancen in Bildung & Beruf, Sichtbarkeit in Medizin und Forschung, um ein Ende der Gewalt, um Präsenz in allen Berufen u.v.m. Oft ist der Weltfrauentag aber ein Tag, an dem Frauen im Büro und Zuhause Blumen bekommen, als ein kleines Dankeschön für tausende Stunden unbezahlte Care-Arbeit. Feminist*innen wollten kein Dankeschön mehr, sondern endlich Veränderung: Zeit für den Kampftag.

Von geschlechterbezogener Diskriminierung, die auf patriarchalen Strukturen beruht, sind nicht nur cis Frauen betroffen. Trans Frauen und trans Männer, inter Personen sowie nicht-binäre Personen leiden an struktureller Geschlechts-diskriminierung Damit kann und muss ein feministischer Kampftag auch intersektional gedacht werden: Der “Frauentag” muss erweitert werden um Klassismus, um Queerfeindlichkeit, um Rassismus, Ableismus.

Niemand will zum „Weltfrauentag“ dein Dankeschön oder deine Blumen, wenn sich den Rest des Jahres nichts ändert. Hör auf, Danke zu sagen für die tausenden Stunden unbezahlte Arbeit und Entschuldigung für die notwendigen Therapiestunden, für die Gewalterfahrungen. Ändert es, dass all das nicht mehr vorkommt.

(Meine Masterarbeit zum Thema ‚Videospiele als Copingmechanismus bei Minderheitenstress der LSBTQIA+ Community‘ befindet sich aktuell im Forschungsprozess. Die Datenerhebung ist abgeschlossen. Die Auswertung, Beantwortung der Hypothesen und Diskussion steht noch aus.)

Literatur:

Jäggi, T., Jellestad, L., Corbisiero, S., Schaefer, D. J., Jenewein, J., Schneeberger, A., Kuhn, A., & Garcia Nuñez, D. (2018). Gender Minority Stress and Depressive Symptoms in Transitioned Swiss Transpersons. BioMed Research International, 2018, 1–10. https://doi.org/10.1155/2018/8639263

Leitgäb-Guzy, N., & Bieber, I. (2026). Ergebnisse der Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“ I: Gewalterfahrungen innerhalb und außerhalb von (Ex-)Partnerschaften. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bundesministerium des Innern; Bundeskriminalamt. https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/Forschungsergebnisse/260210_LeSuBiA_Ergebnisse_I.pdf

Testa, R. J., Habarth, J., Peta, J., Balsam, K., & Bockting, W. (2015). Development of the Gender Minority Stress and Resilience Measure. Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity, 2(1), 65–77. https://doi.org/10.1037/sgd0000081