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Persönlichkeit und Wohlbefinden – ein Einblick

Wie hängen Persönlichkeit und Wohlbefinden zusammen? Dieser Frage gingen mir im Studium nach und führten eine empirische Projektarbeit durch. Wie das methodisch so abläuft, werde ich hier einmal skizzieren. Für alle Neugierigen in Sachen Psychologie, Forschung und Studium! Denn Psychologie ist immer noch eine empirische Wissenschaft, auch wenn viele Menschen bei Psychologie eher an Psychotherapie denken.

Was für eine Projektarbeit?

In dem Modul „Projektarbeit und Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse“ war der Name Programm. Genau das mussten wir tun. In einer Gruppe von fünf Studierenden widmeten wir uns der Konzeption und Durchführung einer quantitativ-empirischen Studie. Hier war also der ganze wissenschaftliche Forschungsprozess nötig: Theoretische Grundlagen zu Persönlichkeit und Wohlbefinden suchen. Daraus eine Forschungsfrage ableiten: „Wie hängen Persönlichkeit und Wohlbefinden zusammen?“

Dann bildeten wir unsere Hypothesen aus, die wir zu überprüfen hatten. Hierfür müssen wir Persönlichkeit und Wohlbefinden operationalisieren – das bedeutet, es irgendwie messbar machen. Was stellt man sich darunter vor? Ein Konstrukt wie auch Persönlichkeit ist beispielsweise die Körpergröße. Wenn ich diese erheben möchte, habe ich Möglichkeiten. Innerhalb eines Fragebögens könnte ich die Frage „wie groß bist du?“ einbauen. Oder in einer in Präsenz durchgeführten Studie einen Zollstock nutzen.

Bei psychologischen Konstrukten wie Wohlbefinden oder Persönlichkeit ist es komplexer. Was ist Wohlbefinden? Wie definiere ich das, wie messe ich es? Wie sehen Ergebnisse aus – Zahlen oder Worte? Zum Glück gibt es in der Psychologie zu fast allen Konstrukten bereits existente Fragebögen, die auch wissenschaftlich geprüft sind (also valide, reliabel und objektiv).

Persönlichkeit

Persönlichkeit wird in der Psychologie vielfältig dargestellt und messbar gemacht. Ein präsentes Modell ist hierbei das „Fünf-Faktoren“-Modell. Dies konstruiert Persönlichkeit auf den fünf Dimensionen Extraversion, Neurozitismus, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit.

Um diese Merkmale zu messen, nutzten wir den open-source Big-Five-Persönlichkeitstest (B5T).

Wohlbefinden

Auch Wohlbefinden kann in vielen verschiedenen Arten konstruiert werden. Prominent sind vor allem die Ideen des psychologischen Wohlbefindens und des subjektiven Wohlbefindens. Wir nutzten – weil es die Dozent*in vorgab – das Modell des „allgemeinen habituellen Wohlbefinden“. Dies konstruiert Wohlbefinden auf den Skalen körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden sowie jeweils Missbefinden. Am Ende gibt es dann einen finalen Testwert zum allg. habituellen Wohlbefinden.

Um dies zu messen nutzten wir den Fragebogen zum allgemeinen habituellen Wohlbefinden.

Neben den beiden Fragebögen ergänzten wir auch noch demografische Daten wie Alter und Geschlecht. Das ganze lief dann über die Plattform SoSci Survey. Hier muss man dann alle Fragen und ihre Antwortmöglichkeiten (trifft gar nicht zu, trifft eher nicht zu, neutral, trifft eher zu, trifft total zu) eingeben. Für unsere Fragebögen hieß das dann: 50 Fragen zur Persönlichkeit, 42 Fragen zum Wohlbefinden. Sobald alles drin ist und korrekt ist, geht der Fragebögen online und Leute füllen ihn aus.

Auswertung

Nach Ende der Umfragezeit waren wir alle mit Einzelarbeit beschäftigt. Jede*r von uns untersuchte ein Persönlichkeitsmerkmal. In meinem Fall war es die Extraversion (Nerd-Wissen: Es heißt auch nicht extrovertiert, sondern extravertiert). Man lädt den Datensatz herunter und ist dann schon fast fertig. Also fast fast. Die Daten müssen bereinigt und aufbereitet werden. Was bedeutet das?

Bereinigung heißt, falsche und unvollständige Daten anzupassen oder zu löschen. Fehlen zu viele Antworten, wird die Person gelöscht. Fehlen nur wenige, nutzt man Mittelwerte. Aufbereitung heißt dann, die Daten so zu verarbeiten, dass man sie zur Auswertung nutzen kann. Bei Extraversion müssen Werte invertiert (also umgekeht) werden. Eine Antwort wie „ich bin ungerne unter Menschen“ ist ja das Gegenteil von Extraversion, hier eine 5 antworten ist also eine 1 in Extraversion. Danach werden Werte zusammengezählt. Welche und warum?

Der Persönlichkeitsfragebogen hat beispielsweise 50 Fragen, 10 davon pro Merkmal. Wir müssen also die 10 Fragen, die sich auf Extraversion beziehen, zusammenzählen. Dasselbe war auch bei dem allg. habituellen Wohlbefinden der Fall. Hier eine Hand voll Fragen auf das soziale Wohlbefinden, hier auf das psychische Missbefinden und so weiter. Es müssen also zig Dinge durchgeführt werden, bevor man tatsächlich auswerten kann.

Auswertung und Ergebnisse

Wie wertet man aus? Das böse S-Wort: Statistik. Das fängt dann erstmal an mit der beschreibenden (deskriptiven) Statistik. Wie viele Menschen nahmen teil, wie viele davon männlich, weiblich, nicht-binär? Wie alt waren die Personen im Mittelwert, wo lag das höchste und niedrigste Alter?

Dasselbe dann auch für die Extraversion und die Aspekte des Wohlbefindens. Meist landet das dann in Tabellenform in der schriftlichen Ausarbeitung. So hatten wir ein N=105 – also 105 ausgewertete Fragebögen – und es gab einen Mittelwert von 23.08 bei Extraversion bei einer Standardabweichung von 4.45. Der niedrigste Wert war 14, der höchste 34. In Tabellenform kann das dann bspw. so aussehen:

Diese Korrelation stellt man dann häufig in einer Tabelle (Tabelle 3) dar, um die Richtung und Stärke der Zusammenhänge untereinander sichtbar zu machen. Das sind die sogenannten Pearson Korrelations-Koeffizienten. Der nimmt jeweils Werte von -1 bis +1 an. Der negative Bereich steht für negative Zusammenhänge, der positive Bereich für positive. Positiv heißt hier nicht ‚gut‘ wie im umgangssprachlichen Sinne, sondern beide wachsen gleichzeitig. Mehr Extraversion ist mit mehr Wohlbefinden assoziiert = positiv. Ein negativer Zusammenhang wäre beispielsweise Mobbingerfahrung und Wohlbefinden. Weniger Mobbing → Mehr Wohlbefinden. Je höher der Wert, desto stärker der Zusammenhang. Eine glatte 1 wäre ein direkter, linearer Zusammenhang. Ab 0.5 sprechen wir von einem starken Zusammenhang – das kann man aber je nach Forschungsfeld, Untersuchungsgegenstand etc. anders handhaben, wenn es schon andere Forschung gibt beispielsweise. In dieser Tabelle sieht man jedoch schon, dass Extraversion zwar einen positiven Zusammenhang mit allen Arten von Wohlbefinden hat, der stärkste Zusammenhang jedoch mit dem sozialen Wohlbefinden vorliegt.

Die Korrelationstabelle zu Extraversion und den 3 Ebenen + Oberebene des Wohlbefindens

Der Korrelationskoeffizient ist allerdings nur ein Zusammenhangsmaß, das die Richtung angibt und wie linear die Gleichung wäre, durch die deren Beziehung dargestellt werden kann. Für zwei metrische Variablen wie hier, bei denen man einen Einfluss konstruiert, kann man die lineare Regression benutzen. Dabei geht es quasi konkret um die Fragen: Wie ist die lineare Gleichung beschaffen, die am besten die Daten beschreibt, mit möglichst geringem Abstand zu den einzelnen Daten? (siehe Abbildung 1).

Die mittlere Linie stellt hier die lineare Regressionsgerade dar. Die schwarzen Linien oben und unten sind die Konfidenzintervalle. Die Gleichung, die unsere Werte am besten beschreiben würde, wäre die y= -50,03 + 2,8x. Würde man das so als bare Münze nehmen, dann hätte eine Person mit 0 Extraversion ein Wohlbefinden von -50. Die 2,8 beschreiben das Wachstum des Wohlbefindens pro Extraversion.

Eine Abbildung eines Streudiagramms zur linearen Regression zwischen Extraversion und Wohlbefinden
(Abbildung 1)

Wenn man sich die Punkte in dem Streudiagramm jedoch ansieht, dann zeigt sich: Es ist nicht perfekt. Die Punkte sind wild um die Mittellinie gestreut. Neben der Regressionsgleichung gibt es dann innerhalb der linearen Regression noch die Varianzaufklärung R². Der Wert beträgt hier 0.225. In Prozentangabe sind das quasi die 23 % der Varianz im Wohlbefinden, die durch Extraversion erklärt werden. Die Unterschiede im Wohlbefinden, wie man sie in Abbildung 1 sieht, sind also zu 23 % durch die Extraversion erklärt. 77 % der Unterschiede im Wohlbefinden können also durch Extraversion nicht erklärt werden.

Mit all diesen Daten geht es dann an die schließende Statistik (Inferenzstatistik), um die Hypothesen zu prüfen. Meine Hypothese war: „Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen Extraversion und Wohlbefinden.“ Für die Korrelation in Tabelle 1 nutzt man einen T-Test, um festzustellen, ob es sich um einen signifikanten Zusammenhang handelt. Es können auch hohe und positive Korrelationen existieren, die nicht signifikant sind. Ganz kurz gefasst: Der über den T-Test berechnete p-Wert (auf Grundlage des t-Wertes) sagt aus, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Ergebnisse aus der Stichprobe zutreffen, wenn man von der Nullhypothese („Es gibt keinen Zusammenhang“) ausgeht. Der p-Wert war sowohl für die Korrelationen als auch für die Lineare Gleichung < 0.001, es ist also sehr unwahrscheinlich, dass die Ergebnisse der Untersuchung nur Zufall sind.

Was dann?

Auf Grundlage dieser Berechnungen muss natürlich noch interpretiert und diskutiert werden. Mit „Ja, da ist ein Zusammenhang“ ist eine Arbeit noch nicht beendet. Hier finden auch Vergleiche mit anderen Studien/Untersuchungen statt. In unserer deutschsprachigen Stichprobe gab es eine Korrelation von 0.48 zwischen Extraversion und dem all. habituellen Wohlbefinden. Der ist im Vergleich zu englischsprachigen Stichproben in Bezug auf das subjektive und das psychologische Wohlbefinden höher. Auch zeigt unsere Stichprobe eine Korrelation von 0.56 zwischen sozialem Wohlbefinden und Extraversion. Das ist keine Überraschung, denn Extraversion hat Unterdimensionen wie Geselligkeit und soziales Engagement. Aber gleichzeitig ist unsere Untersuchung auch limitiert: Wir hatten 105 ausgefüllte Fragebögen, da ist noch Luft nach oben. Und die Stichprobe war zu 69 % weiblich. Zusätzlich ist das Design der Untersuchung ja nur ein Querschnittsdesign, also eine Momentaufnahme. Es wäre spannend zu sehen, wie sich beide Werte über eine Zeit verteilt entwickeln. Wie verändert sich Wohlbefinden bei einer gleichbleibenden Extraversion im Laufe der Zeit?

Finale Aufgabe im Seminar war natürlich die Erstellung des Posters (Abbildung 2). Dann war das Modul auch schon zuende. So lief unsere Projektarbeit ab und es war für mich und andere Kommiliton*innen das erste Mal quantitative Forschung. Ich für meinen Teil war bisher immer nur qualitativ unterwegs (Inhaltsanalysen nach Interviews und Gruppendiskussionen). Dennoch war es super spannend, es mal so am Stück durchzuführen und nicht nur einzelne Datensätze zum Testen vorgelegt zu bekommen. Ich hatte definitiv mehr Freude an der quantitativen Arbeit als zuvor gedacht!

Zu sehen ist das akademische Poster zum Thema "Extraversio und der Zusammenhang zum Wohlbefinden."
(Abbildung 2)

Mit diesem Beitrag möchte ich einen Fokus auf die empirische Seite von Psychologie legen und sowohl für Nicht-Psycholog*innen als auch für (angehende) Studierende zeigen: Auch das ist Psychologie. Es gibt keine Psychologie, die ohne wissenschaftliches Arbeiten und ohne Statistik auskommt.

Hätte ich das vor dem Studium gewusst, hätte ich mich trotzdem immatrikuliert.

Literatur:

Anglim, J., Horwood, S., Smillie, L. D., Marrero, R. J., & Wood, J. K. (2020). Predicting psychological and
subjective well-being from personality: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 146(4), 279–323

Costa, P. T., & McCrae, R. R. (1980). Influence of extraversion and neuroticism on subjective well-being:
Happy and unhappy people. Journal of Personality and Social Psychology, 38(4), 668–678

Satow, L. (2020). B5T®. Big-Five-Persönlichkeitstest. ZPID (Leibniz Institute for Psychology) – Open Test
Archive.

Steel, P., Schmidt, J., & Shultz, J. (2008). Refining the relationship between personality and subjective well-
being. Psychological Bulletin, 134(1), 138–161

Wydra, G. (2024). FAHW. Fragebogen zum allgemeinen Wohlbefinden. ZPID (Leibniz Institute for
Psychology) – Open Test Archive.