Mit Philipp Ruland durch das Thema der psychischen Gewalt. Das vorliegende Exemplar wurde vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Psychische Gewalt ist auch Gewalt und nicht weniger verletzend als eine körperliche Auseinandersetzung: Dafür aber auch anders verletzend. Im März 2026 landete Philipp Rulands zweites Werk aus dem Goldegg Verlag zu genau diesem Thema in meinem Briefkasten. Auf 249 Seiten nimmt Rulands Sachbuch uns mit durch die zerstörerische Kraft psychischer Gewalt.
Drei große Kapitel, umrahmt von einer thematischen Einführung und einem Ausblick des Autors. In den umfassenden Akten erwartet die Leser*innen zuerst eine Heranführung an das Thema Gewalt. Was ist Gewalt, warum gibt es Gewalt zwischen Menschen, wie können sich verschiedene Formen von Gewalt äußern und ist jede Person, die einmal Gewalt ausübt, gleich ein*e Täter*in? Und was macht eine Gewalterfahrung mit Menschen eigentlich?
Im zweiten Teil geht es ganz konkret um einzelne Formen von psychischer Gewalt, denen Ruland je ein Unterkapitel widmet. Hier geht es nicht nur um bekanntere Formen, wie Ghosting, Gaslighting und Manipulation, sondern auch um öfter übersehene Ausprägungen wie emotionale Vernachlässigung oder die Parentifizierung.
Zum Schluss betrachtet der Autor das große Thema der ‘Heilung’ und führt psychologische Antworten, Reflexionsfragen und Anstöße auf, um mit einer eigenen Betroffenheit von psychischer Gewalt einen Umgang zu finden.
Diese Kapitel sind sinnvoll aufeinander aufgebaut und es fällt leicht, den Ideen, Berichten und Botschaften von Philipp zu folgen. Dabei schreibt er gut verständlich, ohne überfordernde Komplexität und die Fachbegriffe, die Fallen müssen, werden eingängig erklärt. Doch es ist kein Fachbuch, das dir einfach Fakten und Studien zum Thema liefert. Es greift Philipps Berufspraxis als Therapeut auf, auch seine eigene Biografie sowie die Erfahrungen und Erlebnisse von Patient*innen. Als Therapeut ist Ruland jeder Gewalt, von der er berichtet, bereits begegnet. Das macht das Buch nicht nur informativ, sondern auch nahbar und menschlich. In den Worten, die er für seine Patient*innen und deren Erfahrungen wählt, lese ich Wertschätzung und Mitgefühl. Dazwischen finden sich differenzierte Einblicke in die Psychologie psychischer Gewalt: Nicht jede Person, die Gewalt ausübt, ist gleich ein*e Täter*in. Gewalt erfüllt auch soziale Funktionen, auch in Form von Gewalt gegen spezifische Gruppen (Kinder, Frauen, queere Personen). Dabei findet sie nicht immer direkt und offensichtlich statt, sie hat viele Gesichter und subtile Ausprägungen. All das findet in einer unaufgeregten und präzisen Sprache statt.
Manchen Aussagen im Text würde ich zwar nicht zustimmen und Rulands Perspektive ist immer noch nur eine von vielen. Das Buch legt inhaltlich natürlich einen Fokus auf psychische Gewalt und doch möchte ich der Idee, dass jede psychische Erkrankung immer durch Gewalterfahrung begründet wird, widersprechen. Diese und andere wenige Aussagen wirken ein wenig verallgemeinernd oder sehr absolut, was ich so wissenschaftlich nicht tun würde. Manchmal fehlte mir persönlich hier der Raum, dass es auch andere Perspektiven, Erklärungen und Erfahrungen geben kann. Aber hier bin ich vielleicht durch die eigene Nähe zur Wissenschaft der Psychologie anstatt zu Patient*innen auch eine andere Perspektive gewohnt als es bei Philipp der Fall ist. Die Auseinandersetzung mit dem Thema psychischer Gewalt in der eigenen Biografie kann einer der Wege sein, um sich und eigenes, aktuelles psychisches Leiden zu verstehe. Das Buch zu lesen und sich im Anschluss zu denken: “Davon bin ich gar nicht betroffen.”, auch das ist eine Möglichkeit. Aber ein Buch ist auch nie dafür da, individuelle Probleme zu besprechen und anzugehen. Das macht Philipp auch klar, denn das Wissen im Buch ist ein Angebot und gerade im letzten Kapitel spricht er ganz einfühlsame Worte, dass man selbst als Betroffene*r die ersten Schritte geht und handeln darf, um den Weg zu weniger Leidensdruck zu gehen.
Das Buch eignet sich hier für Menschen, die sich für das Thema interessieren: Ganz gleich, ob davon betroffene Personen oder auch Fachpersonal, das mit Menschen arbeitet– mit der Differenzierung, dass es sich immer noch ein Sachbuch und kein Fachbuch handelt. Zum Lernen für Prüfungsstoff im Psychologiestudium nur eingeschränkt nutzbar.
Philipp Rulands zweites Werk “So verletzt!” ist ein praktischer Einblick in das Thema psychischer Gewalt und bringt nicht nur Beschreibungen und Erklärungen mit, sondern auch biografische Einblicke und eine gelebte Realität, die schockieren und berühren kann. Dennoch ist der Grundtenor des Buches– neben all den schrecklichen Formen psychischer Gewalt– ein positiver und optimistischer: Wir sind mit Gewalterfahrungen nicht alleine und es gibt Unterstützung und Perspektive auf ein Leben mit weniger Leidensdruck. Das Buch ist eine empfehlenswerte Lektüre, auch wenn es mich – anders als sein erstes Werk – nicht zu Tränen gerührt hat.