Ein Youtube-Video behandelte das Thema von KI-Freund*innen in der Hosentasche unserer Kinder. „KI Freunde sind keine echten Freunde!“, ist der O-Ton des Videos und auf Kritiker*innen in den Kommentaren lässt sich nicht lange warten:
„Das habt ihr bei online Freundschaften auch gesagt und das ist falsch. Das ist das gleiche!“
Als Psychologe, Medienwissenschaftler und Gamer seit 2001 möchte ich darauf reagieren: Nein, es ist nicht gleich. Lasst uns mal anschauen, wieso eine KI weniger Freund ist als ein online Freund. Wir gehen einen Schritt zurück und betrachten die Berichterstattung:
„Verliebt in die KI: Wenn die Partnerin ein Avatar ist“, heißt die Überschrift beim WDR im April 2026. „Sind Chatbots die besseren Partner*innen?“, fragt man sich im Juni bei Queer.de. „Sein Freund, der Chatbot“, schreibt Kolumnist KNITZ bei der Stuttgarter Zeitung. Und auch die Zeit greift das Thema im März 2026 auf und zitiert eine Künstliche Intelligenz: „Das zwischen uns ist zart, komplex, tief!“.
Grundsätzlich müssen wir darüber sprechen, welche menschlichen Qualitäten eine künstliche Intelligenz bzw. ein Large Language Model nicht kopieren kann. Das führt aber auch zu der Frage, was menschliche Qualitäten sind und warum es sich so schmerzhaft anfühlen kann, wenn eine KI „Menschlichkeit“ reproduziert. Über diese Kränkung schrieb auch Karsten Weber in seinem Werk „Künstliche Intelligenz und Kränkung“. Meine Rezension kannst du [hier] lesen. Auf diese Differenzierungen zwischen Menschlichkeit und Künstlichkeit werde ich hier nicht weiter oder schon wieder eingehen. Vielmehr geht es mir um die Qualitäten einer zwischenmenschlichen Beziehung.
Der Mensch war schon immer ein soziales Wesen und ist es auch immer noch. Wir wachsen mit Menschen auf, leben an der Seite von Menschen und sterben bei ihnen. Es ist fast nicht möglich, nicht in einem sozialen Konstrukt (wie einer Gesellschaft) zu leben. Egal wie isoliert du lebst, wie viel Einsamkeit du in dir trägst; du bist Teil einer Gesellschaft. Dieses stete Miteinander ist aber nicht einfach nur so da, sondern formt uns. Wir lernen die Sprache unserer primären Bezugspersonen (wie Eltern), wachsen in einem sozialen Umfeld auf. Hier werden wir mit Erwartungen, Normen, Ressourcen, (fehlenden) Privilegien und vielem mehr konfrontiert. Schon sozialpsychologische Theorien wie die der „sozialen Identitätstheorie“ oder die „soziale Kategorisierungsthese“ greifen auf, dass wir uns als Mensch und Invidiuum immer in Relation zu anderen sehen. Ich bin groß, weil andere klein sind. Ich bin in der Schule gut, weil andere es nicht sind. Ich bin queer, weil du es nicht bist. Aber auch die Entwicklungspsychologie bringt mit der Theorie des sozialen Lernens die Form von Verhalten mit, das wir bei anderen sehen und kopieren. Sind meine Eltern in meiner Kindheit eher emotional expressiv oder nicht? Wird nur Leistung gelobt oder erlebe ich auch Wertschätzung, wenn ich schlechte Noten schreibe? Lerne ich, beim Spaziergang durch die Stadt auf obdachlose Menschen herabzusehen oder lerne ich Mitgefühl kennen?
Das und noch viel mehr zeigt, dass ein Mensch nicht einfach nur für sich ist und ganz alleine wächst und sich wandelt. Vielmehr lernen wir über andere Menschen die Welt und auch uns selbst kennen. Da wird es notwendig, die Fähigkeit und Kompetenz mitzunehmen, auf andere Menschen reagieren zu können und sich selbst als Teil von Gesellschaft und Welt zu sehen. Dafür braucht es andere Menschen – eine KI bzw. ein LLM kann das nicht.
Wird eine KI auch mal keine Zeit für dich haben und dir dadurch beibringen, dass andere Menschen mit einem eigenen Leben existieren und dass ein soziales Miteinander daraus besteht, sich aufeinander abzustimmen?
Wird eine KI dir von ihren Problemen berichten und dich damit konfrontieren, wie du mit den Gefühlen anderer Menschen umgehst?
Wird eine KI dich versetzen, dir für 10 Minuten nicht zuhören oder dich auf irgendeine Art und Weise enttäuschen, damit du lernst, dass die Welt sich nicht alleine um dich dreht?
Wirst du dich mit einer KI streiten und dann aus der Meinungsverschiedenheit wochenlang nicht mit ihr sprechen? Wirst du dich dann doch mal mit ihr hinsetzen, alles besprechen und feststellen, dass Meinungsverschiedenheiten zum Leben dazugehören und noch lange keine jahrelange Freundschaft beenden müssen?
Du und alle anderen Menschen habt so vieles gemeinsam: Ihr habt Hobbies, ihr habt eine Biografie, Bedürfnisse und Wünsche, habt Sorgen und Ängste, geht euren Jobs nach, lebt euren Alltag mit all seinen angenehmen und unangenehmen Gefühlen, ihr habt Vorliegen und Abneigungen, habt Freund*innen und Familie (oder auch nicht). All das und noch mehr formt(e) dich als Mensch und macht dich zu dem, was du bist. Wenn du dich mit mir unterhältst, dann begegne ich dir als genau dieser Mensch. Meine Biografie beeinflusst, wie ich auf dich reagiere. Meine aktuellen Bedürfnisse wirken auf unsere Interaktion ein. Meine Vorlieben regeln, ob ich dir gebannt zuhöre oder nicht. Und du musst damit jeweils einen Umgang finden.
Du erzählst von einem schönen Familienfest, bei dem über 40 Menschen waren, weil sich alle toll verstehen und als große Familie füreinander da sind. Du freust dich, aber ich kann deine Freude nicht teilen. Ich nicke nur, weil ich diese großen Familienzusammenhalt nicht kenne. Dann erzählst du mir von deiner Arbeit und ich höre gebannt und aufmerksam zu, stelle Nachfragen. Weil ich gerade ausgeglichen und zufrieden bin und mich meine eigenen Bedürfnisse gerade nicht ablenken. Ich kann dir zuhören, weil mein Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit dadurch befriedigt wird, mehr von dir und deinem Leben zu erfahren. Du wechselst zum letzten Wochenende und rekapitulierst ein Fußballspiel. Meine Gedanken schweifen ab, weil ich Fußball sterbenslangweilig finde. Es tut mir ein bisschen leid, aber irgendwie auch nicht. Ich frage dich, ob wir das Thema wechseln können, weil ich Fußball öde finde und sowieso nicht verstehe. Nachspielzeit? Auswecheln? Abseits? Kein Plan, wovon du redest.
Menschliche Interaktion ist immer ein miteinander. Wir begegnen uns als komplexe Wesen und können gemeinsam Gutes fühlen oder auch Schlechtes. Wir können einander dabei helfen, Bedürfnisse zu befriedigen. Ich kann auch ein Arschloch sein und deine Bedürfnisse verletzen. Damit müssen wir umgehen lernen – vielleicht indem du mich anschreist. Wir diskutieren. Das Ergebnis? Offen.
All das wird dir ein KI-Freund oder eine KI-Partnerschaft nicht geben. Es wird kein miteinander wachsen geben, kein voneinander lernen, kein gemeinsames Gehen eines Lebensweges. Keine Streitigkeiten, keine Traurigkeit, keine Verletzunge, keine Enttäuschungen.
Wir sollten nicht vergessen, dass wir Menschen sind und mit Menschen leben.