Disclaimer: Ich möchte betonen, dass der Fokus dieses Artikels auf der gerechtfertigten Kritik in Bezug auf die Handhabung der Umfrage liegt. Es ist keine grundlegende Kritik an dem Format funk oder an anderen Formaten des ÖRR. Es ist nicht mein Anspruch oder mein Anliegen, negative Gefühle oder Ablehnung zu generieren. Auch diese Community ist eine nichtbinäre! Vielmehr soll anerkannt werden, dass wir alle in einer queerfeindlichen und vor allem cis-hetero-normativen Gesellschaft sozialisiert wurden und ein Überwinden dieser verinnerlichten Vorstellungen der Welt ist ein Prozess, der Zeit, Aufmerksamkeit und Austausch braucht. Es sind Anlässe und Kritiken wie diese, die Teil eines solchen Prozesses sind. Wenn ich keine Fehler mache, auf die man mich hinweist, dann kann ich mich nicht verbessern.
Zu wenig nichtbinäre Personen? Es ist der 05.11.2026 und funk – das ÖRR-Format – beschäftigt sich in ihrer Story mit dem Thema Körper und Unzufriedenheit. Anlass ist der Weltmännertag und die hohen Zahlen bezüglich der körperlichen Unzufriedenheit inkl. der Folgen für Selbstbewusstsein, Körperbild, Zufriedenheit etc.
Daraufhin folgte eine Umfrage in der Story, man wollte einzelne Körperteile abfragen sowie das Geschlecht der Personen. Zu Beginn der Umfrage ein simpler Fragensticker mit zwei Optionen: Mann und Frau. Darunter ein kleiner Disclaimer: “Nichtbinäre Personen lassen sich nicht auswerten, weil zu wenige abstimmen.” Ah, die Verunsichtbarmachung nichtbinärer Menschen. Lasst uns da mal aus zwei Perspektiven drüber reden.
Die statistische Implikation
Punkt 1 ist die Implikation, eine zu niedrige Anzahl an nichtbinären Menschen wäre nicht auswertbar. Das klingt nach skill issue bei funk, denn auswertbar ist grundsätzlich alles. Wir könnten hinterher Probleme mit der Interpretation oder Aussagekraft bekommen, wenn es wirklich sehr viel weniger nichtbinäre Personen sind. Das wäre relevant für wissenschaftliche Ansprüche – bei Abschlussarbeiten, Qualifikationsarbeiten oder Studien! Laut meinem letzten Kenntnisstand ist funk nichts davon. Warum wird hier mit einer wissenschaftlich-methodischen Begründung gearbeitet in einem nicht wissenschaftlichen Format? funk ist ein ÖRR-Format, kein wissenschaftliches Journal oder Ähnliches.
Stattdessen wäre es sehr einfach auswertbar: Relative Häufigkeit und gut ist. Man zeigt noch kurz mit auf, wie die absolute Häufigkeitsverteilung der Geschlechter generell ist und fügt am Ende noch eine kurze Diskussion hinzu. “Die Aussagekraft der 20% nichtbinärer Personen, die mit ihrem Hintern unzufrieden sind, müssen in Relation zur niedrigen Gesamtzahl betrachtet werden.” Das reicht für Instagram in meinen Augen völlig aus.
Denn die Idee einer Repräsentativität der Umfrage scheitert ohnehin bereits daran, dass Antworten nur von Instagram-User*innen kommen, die auch funk folgen. Ob hier nun also 200 Männer abstimmen, mit ihrem Hintern unzufrieden sind oder 20.000, ist für die Gesamtbevölkerung nicht repräsentativ. Funk hat eine Zielgruppe und diese Eigenschaft ist mit ihrem Einfluss auf die Antworten wichtig im Blick zu behalten.
Implizite Diskriminierung
Punkt 2 ist die Diskriminierung nichtbinärer Personen. Es wäre eine fast schon nettere Lösung gewesen, den Disclaimer wegzulassen und nur Männer und Frauen abzufragen. Dann fiele das unter “nichtbinäre Menschen haben wir vergessen.” Das sind wir gewohnt, ganz ehrlich. Keine*r denkt uns mit. Aber einen Disclaimer anzufügen, der nichtbinäre Personen direkt anspricht und dann aber aussagt, dass es zu wenige sind und deshalb unwichtiger und nicht relevant? Das ist schlichtweg falsch und diskriminierend.
Woher kommt die Information, es seien “zu wenige” überhaupt? Von vorherigen Versuchen? Kennt das funk-Team persönlich keine nichtbinären Menschen? Haben die Follower*innen laut Instagram-Dashboard primär männlich/weiblich als Geschlecht angegeben? Beides sind keine sinnvollen ‘Beweise’ oder Indizien für wenig nichtbinäre Menschen, die funk folgen. Stattdessen hätte die Umfrage ergebnisoffener gestaltet werden können. Funk hat die Idee im HInterkopf, nichtbinäre Personen seien deutlich weniger.
Vielleicht würden wir euch ja gerne das Gegenteil beweisen, wenn man uns ließe. Vielleicht sind 5% eurer Followerschaft nichtbinär, vielleicht 20%? Stattdessen bleibt es wieder bei 0%, weil man uns die Chance nimmt.
Ein Aspekt von Minderheitenstress, wie er von Hendricks & Testa (2012) bzw. Testa (2015) nochmal für TNG* Personen ergänzt wurde, ist auch die Nicht-Affirmation von Identität. Das Absprechen und nicht Akzeptieren.
In meiner Masterarbeit mit 352 befragten Personen zeigten die quantitativen Ergebnisse, dass der Stress durch Nicht-Affirmation bei zwei Gruppen mit Abstand am Höchsten ist: trans Frauen und nicht-binäre Menschen.
Anstatt die Sichtbarkeit und Teilhabe zu gewährleisten, wird eine Teilgruppe ausgegrenzt. Dadurch wird nicht das gesamte Spektrum des befragten Merkmals abgefragt und gleichzeitig womöglich eine Verzerrung der anderen Gruppen inkauf genommen. Vielleicht antworten dann nicht-binäre Menschen ja aus Frust über die Unsichtbarkeit mit einer Antwort als Mann/Frau – basierend auf zur Geburt zugewiesener Geschlechter?
Lösungen sind möglich
Es ist kein modernes Problem, dass wissenschaftliche Umfragen und Datenerhebungen an einer korrekten Erfassung von Geschlecht scheitern. Trans Personen und nichtbinäre Menschen existieren seit Jahrhunderten. Es gibt mehr als Männer und Frauen. Seit 2018 ist in Deutschland ja auch der Geschlechtseintrag “divers” möglich (seit 2013 übrigens auch ein leerer Geschlechtseintrag, folglich wäre ‘divers’ ein viertes anstelle eines dritten Geschlechts). Männlich/weiblich/divers wäre also eine einfache Lösung gewesen.
Aber das Thema beschäftigte auch Wissenschaftler*innen und so veröffentlichte die Humbold-Universität zu Berlin 2023 einen Leitfaden des Instituts für Psychologie für die sensible Erhebung von Geschlecht in Fragebögen der Humbold-Universität zu Berlin.
Ich möchte abschließend also festhalten, dass das Ausschluss-Argument “nicht auswertbar, weil zu wenig” in meiner persönlichen Betrachtung eher einer Ausrede gleicht und sich sowohl methodische Möglichkeiten als auch demokratische Notwendigkeiten der Antidiskriminierung präsentieren, die eine andere Herangehensweise eröffnen. Ich habe mir zur korrekten Erhebung von Geschlecht für meine Masterarbeit die Mühen der Recherche und die Gedanken gemacht (und dennoch am Ende intergeschlechtliche Personen vergessen, was mich immer noch ärgert und mir leid tut!) und zahlreiche andere Wissenschaftler*innen in ihren Studien auch. Es ist möglich,
Ebenfalls noch am selbigen Tag des 05.11.2026 erhielt ich über Instagram eine Direktnachricht des funk-Teams zu diesem Thema, mit einer Begründung für die Entscheidung zum diskriminierenden Disclaimer. Ich verfasste eine Nachricht hierzu am 07.11.2026. Es ist und bleibt wichtig, das Gespräch zu suchen und miteinander an einer diversitätssensiblen und antidiskriminierenden Demokratie zu arbeiten.
Weitere Texte:
Literatur:
Hendricks, M. L., & Testa, R. J. (2012). A conceptual framework for clinical work with transgender and gender nonconforming clients: An adaptation of the Minority Stress Model. Professional Psychology: Research and Practice, 43(5), 460–467. https://doi.org/10.1037/a0029597
Humbold-Universität zu Berlin. (2023). Leitfaden für die sensible Erhebung von Geschlecht in Fragebögen. Institut für Psychologie. https://www.psychology.hu-berlin.de/de/institut/organisation/gleichstellung/dokumente/leitfaden_sendible_erhebung_von_geschlecht.pdf/view
Testa, R. J., Habarth, J., Peta, J., Balsam, K., & Bockting, W. (2015). Development of the Gender Minority Stress and Resilience Measure. Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity, 2(1), 65–77. https://doi.org/10.1037/sgd0000081